Kinder erleben ihre eigene Gestaltungskraft am besten in der Natur

p1710989-1506510355-5.jpg

Jedes Kind will ein Gestalter seines Lebens sein. Das geht am besten, wenn das Kind sich spielerisch in der Welt erproben kann. In der Natur lernt das Kind gestalten, hier ist der Raum unendlich! Im Wald vom Notkersegg fanden Christoph Lang von der Infothek Waldkinder und Gerald Hüther, Neurobiologe und Redner am 3. Fachforum der «Waldkinder St.Gallen» die Zeit, die Thematik «Bildung als Abenteuer – wenn Natur das Klassenzimmer ersetzt» tiefer zu ergründen.

Infothek Waldkinder: Ist Bildung Abenteuer?

Gerald Hüther: Das kann man so nicht beantworten, dazu musst du mir erst sagen was Bildung ist.

Sehr gut! Was ist Bildung?

Ich erweitere das und sage, das Leben ist ein Abenteuer. Wenn Bildung, was mit Lernen zu tun hat und Leben und Lernen untrennbar miteinander verbunden sind. Dann wäre diese Bildung, bei der man lernt wie das Leben geht – ein Abenteuer!

Wir sind immer in dem Spannungsfeld und locken die Kinder in die Natur, in die sinnliche Erfahrungswelt. Gibt es bei dir auch eine Präferenz «Schule im Haus» oder «Schule im Wald»?

Ich habe etwas Angst vor den «Menschen gestalteten Räumen». Und je stärker ich erlebe, das Landschaften, Parks, Städte, Häuser und Wohnungen von Menschen nach deren Vorstellungen gestaltet werden, so dass da gar nichts anderes mehr passieren kann, als sie sich vorgestellt haben, da bekomme ich Angst.

Wie sieht der Raum aus, wo der Mensch sich einen eigenen Gestaltungsraum schaffen kann?

Wir machen uns das gegenseitig viel zu selten bewusst, dass jeder Mensch in jeder Situation einen grösseren Raum an Gestaltungsmöglichkeiten hat, als dass er glaubt. Dann gibt es Menschen, die haben in ihrer Vergangenheit häufiger einmal ausprobiert, wie gross der Raum ist und gemerkt, der ist grösser, da kann man etwas machen. Das sind diejenigen, die den Mut entwickelt haben oder die sich nie mit dem Raum zufrieden geben. Sie suchen ständig nach allen Seiten Gestaltungsraum für sich zu schaffen. Damit sind wir bei den Waldkindergärten angekommen. Die Grunderfahrung eines Kindes in so einem Umfeld, wie einem natürlichen Wald, ist, das dieser Raum unendlich gross ist. Da gibt es kein Ende für das Kind und für das eigene Gestalten. Es ist dort nicht vorgefertigt.

Als Biologe kann ich nur sagen, lernen ist etwas was jedes Lebewesen kann. Pflanzen können lernen, Einzeller können lernen, deshalt ist das Lernen untrennbar mit dem Leben verbunden. Wer nichts mehr lernen kann ist tot!

So dass, man eigentlich nur das lernen kann, was sich derjenige dabei gedacht hat, der diesen Lernraum gestaltet hat. Im Grunde genommen muss man sich fragen, was das für ein Lernen ist, wenn das Ergebnis des Lernens schon feststeht oder sogar beabsichtigt ist. Das geht dann schon sehr in die Richtung Dressur, wenn der Tiger durch den Feuerreifen springt. Hat das jetzt etwas mit Lernen zu tun, oder dürfen wir das überhaupt Lernen nennen, frage ich. Oder sind wir hier einem Konzept aufgesessen, was uns einst eine Pädagogik, die vor ein- zwei Jahrhunderten entwickelt wurden, aufgeschwatzt hat. Als Biologe kann ich nur sagen, lernen ist etwas was jedes Lebewesen kann. Pflanzen können lernen, Einzeller können lernen, deshalt ist das Lernen untrennbar mit dem Leben verbunden. Wer nichts mehr lernen kann ist tot! Wenn Leben und Lernen mehr oder weniger identisch ist, dann ist es nicht mehr gut, wenn man die Lust am Lernen verliert. Was schlimmeres kann ich mir gar nicht vorstellen, das man einem anderen Menschen dies antut. Da ja niemand die Lust am Lernen von alleine verliert, sondern immer andere dafür verantwortlich sind, gibt es offenbar viele Menschen, die einem die Lust am Leben versauen. Unbewusst, vielleicht auch ohne dass sie das wollen.

Gerald Hüther betrachtet wie kaum ein anderer Forscher die Verbreitung von Erkenntnissen aus der Hirnforschung als seine zentrale Aufgabe. Er plädiert das Schaffen von Lebensbedingungen, die es ermöglichen, menschliche Potenziale zur Entfaltung zu bringen - nicht nur im Bereich Erziehung undBildung, sondern auch auf der Ebene von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Er preist neue Bildungskonzepte, diskutiert mit Unternehmern über zukunftsfähige Kompetenzen und mit PädagogInnen über die Grenzen der Frühförderung.
Gerald Hüther betrachtet wie kaum ein anderer Forscher die Verbreitung von Erkenntnissen aus der Hirnforschung als seine zentrale Aufgabe. Er plädiert das Schaffen von Lebensbedingungen, die es ermöglichen, menschliche Potenziale zur Entfaltung zu bringen – nicht nur im Bereich Erziehung undBildung, sondern auch auf der Ebene von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Er preist neue Bildungskonzepte, diskutiert mit Unternehmern über zukunftsfähige Kompetenzen und mit PädagogInnen über die Grenzen der Frühförderung.

Würden wir neben diesen Synapsenautobahnen, wie du es in deinem Buch  «Rettet das Spiel» beschreibst, wieder das Leben finden?

Es wird leichter die Antwort zu finden, wenn man sich fragt, wozu wir uns diese Muster ins Hirn gebaut haben. Wozu glauben wir alles unter Kontrolle haben zu müssen? Wozu glauben wir eine Welt schaffen zu müssen, in der man das Gefühl hat, man hätte alles unter Kontrolle. Das hat ja mit dem Leben nicht mehr viel zu tun. Woher glauben wir, dass wir wüssten, was Kinder in 20 Jahren einmal wissen müssen? Das heisst, wir wollen für Sicherheit sorgen, wir wollen Stabilität, wir wollen, dass es keine Katastrophen gibt.

Wir schaffen uns irgendwelche Strukturen, Denkmuster und Glaubensmuster, die uns helfen mit der Angst umzugehen, falls es anders kommt, als wir es wollen.

Wir schaffen uns irgendwelche Strukturen, Denkmuster und Glaubensmuster, die uns helfen mit der Angst umzugehen, falls es anders kommt, als wir es wollen. Wenn man ein Leben damit verbringt, Strukturen aufzubauen, die aus der Angst geboren sind, dann ist man ein von der Angst getriebener. Der ist nicht mehr sehr lebendig, dann hat er keine Spielfreude mehr, sondern der hat ein Dauerproblem. Er will immer mehr Kontrolle ausüben, weil ihm immer mehr durch die Hände rutscht. Das ist es, was wir im Augenblick sehen, Menschen, die das Gefühl haben, das in unserer Gesellschaft eine Zeit hereingebrochen ist, in der sie sich auf nichts mehr verlassen können. Das wird sich auch nicht mehr ändern.

Wie können wir nun andere Strategien entwickeln, als sie waren?

Die alte Strategie hiess: Das Unsichere muss man mehr kontrollieren. Genaue Vorschriften, klarerer Ansagen. Jetzt könnte es sein, dass diese Strategien am Ende sind. Das hat so einen Deckeleffekt, irgendwann kann man nicht mehr weiter. Für den Fall, dass es so geht, haben wir aber keinen Plan B, weil wir das andere nicht gelernt haben. Das andere hiesse ja, wenn es schwierig ist, tut man sich zusammen und hilft einander. Man schaut, dass das geballte Wissen der Menschen zusammenführt wird, dass daraus neue Lösungen wachsen können. Nun sind wir aber in unserer angstbessenen Struktur, in der wir den Konkurrenzkampf gestört haben.

Da ist dieses Leistungsdenken in einer Gesellschaft gelandet, in der die Menschen ihr Wissen nicht mehr miteinander teilen, zumindest nicht in einem Co-kreativen Prozess und nach Lösungen suchen. Jeder versucht irgendwie durchzukommen. Manchmal machen sie Bündnisse oder Kooperationen, aber da findet ja eigentlich diese gemeinsame Suche nach wirklich Neuem nicht statt. Es findet kein Aufbruch statt, sondern das sind Kooperationen, um das Alte aufrecht zu erhalten.

Da ist dieses Leistungsdenken in einer Gesellschaft gelandet, in der die Menschen ihr Wissen nicht mehr miteinander teilen, zumindest nicht in einem Co-kreativen Prozess und nach Lösungen suchen. Jeder versucht irgendwie durchzukommen. Manchmal machen sie Bündnisse oder Kooperationen, aber da findet ja eigentlich diese gemeinsame Suche nach wirklich Neuem nicht statt. Es findet kein Aufbruch statt, sondern das sind Kooperationen, um das Alte aufrecht zu erhalten. Dies hat mit Weiterentwicklung und Lebendigkeit nichts zu tun. Alles ist noch aus der Angst geboren. Das ist dem Menschen nicht würdig und verhindert Entwicklung. Ich bin mir inzwischen nicht mehr ganz sicher, ob wir uns in den letzten vierhundert Jahren weiterentwickelt haben. Was wir entwickelt haben sind Technologien. Aber uns? Haben wir die Art wie wir zusammenleben weiterentwickelt? Ein bisschen vornehmer, wie im Mittelalter. Haben wir aber ein klareres Bild von dem, wer wir eigentlich sein wollten, als wir damals waren? Haben wir überhaupt eine Vorstellung wo wir gemeinsam hinwollen? Haben wir irgendwo ein Bewusstsein unserer Würde?

«Der Fluss fliesst vorbei und man steht am Ufer»

Die letzten vierhundert Jahren konnten wir doch einiges bewegen, oder nicht?

Im Aussen haben wir viel bewegt. Das führt immer zu mehr Diskrepanzen, wenn man im Aussen mehr macht und sich nicht mitbewegt. Wie Heraklid schon gesagt hat: «Der Fluss fliesst vorbei und man steht am Ufer» Dann geht das Leben an einem vorbei und es bleibt dann so ein Überbleibsel zurück.

Dann wäre doch der Wunsch, dass alle Kinder Waldschulen besuchen, dass das Leben nicht an ihnen vorbei geht. Wie siehst du das?

Es geht doch eigentlich darum, dass wir uns eine Situation wünschen, in der jedes Kind das Gefühl hat Gestalter seines Lebens zu sein.

Erproben kann man sich am besten in einer Welt, die Natur heisst und nicht im vorgefertigten Kinderspielzimmer. Da ist mit dem Erproben nicht viel los. Aber in der Natur ist immer viel los. Hier ist der Raum unendlich!

Durch diese Entdeckerfreude darf die Gestaltung nie verloren gehen. Das geht natürlich am besten, wenn man spielerisch sich in der Welt erproben kann. Erproben kann man sich am besten in einer Welt, die Natur heisst und nicht im vorgefertigten Kinderspielzimmer. Da ist mit dem Erproben nicht viel los. Aber in der Natur ist immer viel los. Hier ist der Raum unendlich!

Im 21. Jahrhundert wird kein junger Erwachsener überleben können, wenn der nicht gelernt hat, Lust aufs Gestalten zu bekommen. Wenn der nicht ein freudvoller Gestalter seines eigenen Lebens ist, wenn der nicht Freude am Leben hat, was er in diesem Leben machen kann. Das lernt man am besten im Wald.

Deswegen hat das, was in der Waldkindergarten- bewegung passiert, gar nicht so viel mit Natur zu tun hat. Sondern es geht primär um das Kind, dass in diesem Erfahrungsraum «Natur» Gelegenheit bekommt, sich seiner eigenen Gestaltungskraft bewusst zu werden. Im 21. Jahrhundert wird kein junger Erwachsener überleben können, wenn der nicht gelernt hat, Lust aufs Gestalten zu bekommen. Wenn der nicht ein freudvoller Gestalter seines eigenen Lebens ist, wenn der nicht Freude am Leben hat, was er in diesem Leben machen kann. Das lernt man am besten im Wald. Deshalb ist der Erfahrungraum in der Natur so wichtig, damit bringt man Menschen hervor, die im 21. Jahrhundert Gestaltungskraft haben und ein glückliches Leben führen können.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Interview, Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie © Infothek Waldkinder

Das digitale Fachblatt ist in seinem 8. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder – Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik

%d Bloggern gefällt das: