Altes Handwerk selber machen ist der lebendige Austausch, der weitere Generationen würdig wachsen lässt

coverflecht-1506605462-34.jpg

Mit Doris Fischer auf volkskundlicher Entdeckungsreise aus dem Landleben der jüngeren Vergangenheit, Brauchtum und Überlieferungen von traditionellem Handwerk. Ihre Anregungen laden dazu ein, das ganze Jahr über in der Pflanzenwelt unterwegs zu sein. Sie sieht es als Chance, durch das Werken den Menschen Würde und Respekt entgegenzubringen, die diese Arbeit früher und heute noch von Hand machen.

Infothek Waldkinder: «Flechten, Färben, Schnitzen», das sind 250 Seiten Fülle von überlieferten Handwerkstechniken, die dazu anregen und inspirieren, sie nachzumachen. Ganz spannend ist der Aufbau von dem Buch, der nach Pflanzen strukturiert ist, statt nach den Jahreszeiten. Wie kam es dazu?

Das Buch kann bei buch7 bestellt werden
Das Buch kann bei buch7 bestellt werden

Doris Fischer: Der Untertitel des Buches könnte auch heißen: „Handbuch der nützlichen Pflanzen“. Meine Überlegungen gingen von einem ganz praktischen Ansatz aus: Ich bin mit meinem Kind draussen unterwegs und es fragt mich: «Was ist das für ein Baum?» In einem Bestimmungsbuch schaue ich mit dem Kind nach. Im Idealfall fragt das Kind weiter, «Und was kann man damit machen?»

Dann verstehe ich dich richtig, dass du den Blickwinkel, mit dem man draussen unterwegs ist, achtsamer ausrichtet. Statt sich zu fragen, jetzt ist Herbst, was könnte ich machen, sehe ich mir die Bäume und Sträucher in der Umgebung an und frage mich, was kann ich das ganze Jahr mit ihnen machen?

Genau, das ist mein Ansatz, mit Pflanzen ganzjährig aktiv zu sein.

Selbst bist du archäologische Grabungstechnikerin und bist daher von Berufs wegen mit Sachkulturen früherer Zeiten in Berührung gekommen. Wie hast du dein Material entdeckt?

Normalerweise ist das so bei Ausgrabungen, dass das organische Material, wie Holz, Leder, Textilien, im Boden vergangen ist. Das findet man nur unter besonderen Erhaltungsbedingungen. Ich habe mich durch meine Arbeit aufs Mittelalter spezialisiert. Hier habe ich Funde in Museen, in der Literatur und in Grabungsberichten entdeckt.

Wie bist du vorgegangen, wenn du etwas gefunden hast, die Herstellung des Objektes zu rekonstruieren?

Viel Wissen ist noch aus Überlieferungen vorhanden, anderes im Laufe der Zeit verloren gegangen Mit der Rekonstruktion alter Arbeitstechniken beschäftigt sich ein ganzer Wissenschaftszweig. Das ist die experimentelle Archäologie. Durch das Selbermachen und Nachbauen kann man darauf schließen, wie es früher wahrscheinlich gemacht worden ist. Beispielsweise wurde die Herstellung von Seilen aus Lindenbast im Wikingerschiffsmuseum Roskilde in Dänemark erfolgreich erprobt. Ich spreche mit meinen Anleitungen im Buch das Handwerk in einem Umfang an, in welchem es für Anwender selber nachvollziehbar sein kann. Das sind dann keine dicken Taue für ein Schiff, sondern eine dünne Schnur, mit der etwas angebunden werden kann.

«Schiffli fahre uf em See…» seit jeher faszinieren Kinder schwimmende Schiffli auf dem Wasser. Wallnussschiffli, das Thema für die nächste Naturwerkstatt an einem Elternbesuchstag im Wald
«Schiffli fahre uf em See…» seit jeher faszinieren Kinder schwimmende Schiffli auf dem Wasser. Wallnussschiffli, das Thema für die nächste Naturwerkstatt an einem Elternbesuchstag im Wald

Das klingt nach Entdeckungsreise, wenn man sich mit verschiedenen Alltagspflanzen vertraut macht, um herauszufinden, was man alles daraus machen kann. Welches Gefühl, meinst du, entsteht da ganz nebenbei?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, wenn ich etwas sehe, möchte ich immer mehr dazu wissen. Dadurch ist ein Thema für mich nie abgeschlossen. Ich finde zu den Pflanzen immer wieder neue Details, die ich ergänzen kann. Irgendwann stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein. Ich sehe die Pflanzen mit anderen Augen an. Der Blick erweitert sich und ich überlege mir, was mir die Pflanze, ausser als Nutzpflanze, noch bieten kann. Es ist der Duft, die Farbe und es entsteht eine Verbindung. Das ist auch mein Wunsch, dass viele Menschen das genauso erleben können.

Selbst habe ich auch einiges Neues an Ideen in deinem Buch entdeckt. Wo hast du die Herstellung der Objekte zum Teil entdeckt?

Mein Beruf ist hier sicherlich eine Hilfe. Ich recherchiere gern. Aus fremdsprachigen Quellen schöpfe ich viele Inhalte und übersetze sie. Ausserdem bewahren Experten in Freilichtmuseen und Geschichtsvereinen die alten Techniken und geben mir gerne darüber Auskunft.

Damit diese einfache Handwerkskunst überliefert werden kann, braucht es das Wissen über die Nutzung. Welche Aspekte standen damals im Vordergrund?

Ich spreche jetzt von der vorindustriellen Zeit. Der Hauptaspekt war, dass man alles verwertet hat. Aus Mangel an Alternativen musste man das nehmen, was man zur Verfügung hatte. Heute gehen wir in den Laden und kaufen uns die Ware oder bestellen sie im Internet. Damals wurde alles gesammelt oder angebaut, was man brauchte. Gleichzeitig sah man die Pflanzen aber auch als lebendige Wesen, schätzte, achtete oder fürchtete sie sogar.

Dieses lustige Spielzeug aus Holunder, die magische Pfeife, trägt in Amerika den Namen «Flipperdinger»
Dieses lustige Spielzeug aus Holunder, die magische Pfeife, trägt in Amerika den Namen «Flipperdinger»

Was beobachtest du in deinen Kursen mit Kindern?

In die ausserschulische Umweltbildungseinrichtung, bei der ich tätig bin, kommen regelmässig Schulklassen, die mit uns zu verschiedenen Umweltprogrammen einen Tag verbringen. Grundsätzlich sind wir nur draussen mit den Kindern unterwegs. Wir haben ein tolles Gelände und die Kinder freuen sich immer am meisten, wenn sie Werkzeug in die Hand nehmen dürfen oder die Natur beim Toben und Bewegen selber erfahren können.

Wie wichtig erachtest du es, dass der Austausch zwischen Generationen stattfindet?

Manchmal erzählt ein Kind bei uns begeistert, «Das kenne ich schon, das habe ich letzte Woche mit meinem Opa im Garten ausprobiert.» Durch diese Verbindung mit Selbermachen und zum Grossvater, bekommt das Thema eine ganz andere Verwurzelung bei ihnen. Pflanzenwissen ist bei Kindern wenig vorhanden, sie kennen aber oft die Pflanzen, mit denen sie beim Spiel etwas anfangen können. Die Ideen im Buch sollen die Kinder – und Erwachsenen! – anregen, diese Materialien selber zu sammeln und so auch kennenzulernen.

(Lesetipp von Doris Fischer Jugendreport Natur 2016, Uni Köln)

Die zauberhafte Welt der kleinen Wesen. Hier nachgebaut mit Eicheln. Die dazu einladen, die Puppenstube in den Wald zu verlegen.
Die zauberhafte Welt der kleinen Wesen. Hier nachgebaut mit Eicheln. Die dazu einladen, die Puppenstube in den Wald zu verlegen.

Viele Alltagsgegenstände bestehen aus Naturmaterialien, sie werden jedoch nicht mehr von Handwerkern vor Ort hergestellt sondern maschinell oder in Billiglohnländern produziert. Welche Chance siehst du, mit dem Werken aus «Allerweltspflanzen» dem entgegenzuwirken?

Ich möchte gerne das Bewusstsein für den Wert, der uns mit dieser Pflanzenwelt umgibt, schärfen. Und auch für den Wert des Handwerks. Durch das Selber machen bekommt man Respekt vor den Menschen, die das früher gemacht haben. Jedoch auch ein Beispiel aus unserer heutigen Zeit: Zu Weihnachten werden handgefertigte Strohsterne als Massenware aus Fernost billig verkauft. Das gleiche gilt für Weidenkörbe, die für wenig Geld verkauft werden, aber von Menschen geflochten werden, denn Körbe können nicht von Maschinen gefertigt werden. Welche Arbeit dahinter steckt und der Respekt vor den Menschen, die diese Arbeit machen, gilt es zu würdigen.

In Lettland feiert man wie in Schweden, das Mittsommerfest. Frauen und Mädchen schmücken sich mit Blütenkränzen, während Jungen und Männer üppige Kronen aus Eichenblättern tragen.
In Lettland feiert man wie in Schweden, das Mittsommerfest. Frauen und Mädchen schmücken sich mit Blütenkränzen, während Jungen und Männer üppige Kronen aus Eichenblättern tragen.
https://www.feuervogel.ch/nature-flow-das-digitale-fachblatt/
https://www.feuervogel.ch/nature-flow-das-digitale-fachblatt/

Das digitale Fachblatt “NatureFlow” bietet konkrete Themen nach den Grundlagen der Naturpädagogik und erdgerechte Zukunftsideen.

Ob als Waldspielgruppenleiterin, Waldkindergärtnerin, Lehrperson,  Pädagogen und Erwachsenenbildner oder Draussen Familien, alle finden nahrhaftes Wissen bei uns.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber

Bildnachweis: Fotografie © Doris Fischer

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” ist in seinem 11. Erscheinungsjahr unter dem Dach der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik in der Schweiz

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: