Wie Kinder grossartige grosse Menschen werden

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Susanne Salaschek ist Lehrerin, Wildnispädagogin und ehrenamtliche Mitarbeiterin beim ambulanten Hospizdienst DASEIN und geht regelmässig mit Kindergruppen in den Wald. In einem persönlichen Gespräch mit ihr erfuhren wir ganz wunderbare Dinge aus ihrem Leben, die sie mit uns in einem Interview für die Infothek Waldkinder teilt. Aus ihrer Erfahrung erzählt sie, wie Geburt und Tod als ein Prozess der Hingabe an das Leben zu verstehen ist. Doch durch unsere Trennung von den ursprünglichen natürlichen Prozessen in der Natur, fehlt uns heute komplett dieses Verständnis. Sie sagt: „Je mehr wir Menschen uns mit der Natur verbinden, desto klarer wird das Bild dessen, was wir für die Gestaltung der Übergänge unseres Lebens auch als moderne Menschen brauchen.“

Infothek Waldkinder: Liebe Susanne, du teilst deine berührenden Erzählungen aus deinen Waldgruppen mit Kindern mit vielen Menschen. In deiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei dem Hospizdienst DASEIN begleitest du Menschen auf ihrem letzten Weg, wobei sehr grosse Nähe entsteht. Zusammen mit dir wollen wir durch den Herbst spazieren. Wenn sich das Leben zurück in den grossen Bauch von Mutter Erde zieht. Die Blätter verfärben sich mehr und mehr und es kehrt die Zeit der Stille ein. Sie begegnet uns an den verschiedensten Orten. Wo sind für dich Orte der Stille in der Natur?

Susanne Salaschek: Es sind vorwiegend die Baumwesen im Wald, die mich einladen an ihren kraftvollen Wurzeln zu sitzen. Stille stellt sich ein, wenn ich an einem Sitzplatz sitze, den ich des Öfteren besuche. Ich kenne mich dort dann schon ein Weilchen aus; den Geschöpfen, Tieren, Pflanzen, Pilzen, die dort wohnen habe ich mich bekannt gemacht und es fühlt sich an wie nach Hause zu kommen. Ich sitze dort mit all meinen Sinnen und einem offenen Herzen voller Dankbarkeit und bin einfach.

Zeit der Stille. Meinst du, das ist eine Zeit für dich, die du mehr mit dir selbst verbringst?

Schwere Frage, denn nirgendwo bin ich so verbunden mit „Allem-was-ist“ gerade dort im Wald. Wir Menschen kommen ursprünglich aus dem Wald, er ist also unser zu Hause für viele Jahrtausende gewesen. Dort fühle ich mich einerseits ganz mit mir selbst, bekomme Antworten auf

…Zeit mit mir selbst, jedoch nicht allein

wesentliche Dinge meines Lebens, spüre meinen Körper, bin ganz entspannt und doch achtsam, andererseits nicht allein. Ja, das ist es: Zeit mit mir selbst, jedoch nicht allein. Ich habe gerade heute etwas Schönes gelesen: „silent is an anagram of list“ (Stille ist – im Englischen- ein Anagram zum Zuhören) (Johnny Rich). Das passt gut. Ein großes Geschenk um Ressourcen aufzutanken.

Der Samen entfaltet sich nicht im Licht, sondern im Dunkeln. Viele innere Prozesse finden in der Tiefe, eben im Dunkeln statt. Wie wichtig findest du das Dunkle, das uns in den nächsten Wochen und Monaten begleitet?

Wir sind als Menschen in den Zyklus und die Rhythmen, des immer und ewig währenden Kreises eingebunden. Nicht nur die Natur spiegelt die vier Qualitäten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter; Osten, Westen Süden, Norden; Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter; usw. usw. Das findet sich überall wieder. Da hat das Dunkle, der Winter als Zeit der Besinnung, Ruhe, des Rückzuges und als Zeit der Ahnenfeste seinen Platz. Ich habe durch das viele Draussen-Sein überall im Wald beobachten und sinnlich wahrnehmen können, dass diese Dunkelheit zutiefst Sinn macht und ohne sie nichts Neues geboren werden kann.

…der Winter als Zeit der Besinnung, Ruhe, des Rückzuges hat seinen Platz

Meine Nächte in der Dunkelheit draussen – ich habe dort im Rahmen meiner Wildnis-Mentoring-Ausbildung längere Zeit im Wald unter einem Tarp geschlafen– führten mich gerade bei Neumond durch alle Ängste und zeigten mir gleichzeitig, wie reich beschenkt ich erwachen kann am nächsten Morgen und mich schon auf weitere Nächte freuen kann. Analog dazu freue ich mich auf die geheimnisvolle dunkle Jahreszeit und bin sehr gespannt, welche Prozesse in mir in Gang kommen und was sie mit mir machen. Das Licht spielt jedoch auch eine große Rolle. Es ist die ganz besondere Zeit viel am Feuer zu sitzen und die Flammen wirken zu lassen. Das Eine ohne das Andere gibt es ja nicht, Dunkel und Licht sind die beiden Seiten einer Medaille.

Der Herbst sendet uns die Botschaft der Vergänglichkeit, ein Laut, den wir nicht überhören können. Wie hilft dir dein Wissen aus der Natur um die Vergänglichkeit, bei deiner Arbeit im Hospizdienst? Wie unterstützt dich die Natur dabei?

Die Natur zeigt mir wie es geht. Ich kann spüren, wie diese Prozesse des Lebens und des Sterbens unmittelbar zu unserem Sein gehören und es das Normalste der Welt ist „wieder zu Erde zu werden“ wie meine Kinder draußen immer sagen. Ich kann durch mein Wildniswissen und dieses Spüren des immerwährenden Wandlungsprozesses des Werdens und Vergehens entspannt zu den sterbenskranken Menschen gehen. Alles ist gut und richtig, was passiert. Gerade auch dieses Durchgehen durch die Dunkelheit in einzelnen Nächten draussen hat mich demütig den Menschen gegenüber gemacht, deren letzten Weg ich begleite.

Ich kann durch mein Wildniswissen und dieses Spüren des immerwährenden Wandlungsprozesses des Werdens und Vergehens entspannt zu den sterbenskranken Menschen gehen…

Gleichzeitig kann ich mit ihnen meine Wahrnehmungen draussen in der Natur teilen, ein unglaublicher Reichtum. Ich erinnere mich an eine Frau, die mir erzählte, dass sie sich jetzt am Ende ihres Lebens zum ersten Mal wieder daran erinnere, dass der einzig sichere Ort in ihrer schwierigen Kindheit der angrenzende Wald gewesen sei. Ich war zutiefst berührt und wir hatten am Ende eine tiefe Verbindung dadurch.

Wie kann uns die Stille als Ort dabei helfen, den Tod und die Vergänglichkeit in einer angemessenen Weise anzunehmen und zu umarmen?

Sie schafft Raum für uneingeschränkte Wahrnehmung. Ich nehme die Vergänglichkeit als Lebensprinzip draussen im Wald unmittelbar körperlich mit allen Sinnen und ohne Störung wahr. Deshalb schicke ich Kinder aller Altersgruppen auch im Herbst und Winter immer mal auf den Sitzplatz in die Stille. Wenn sie danach in den Kreis zurückkommen und zuweilen sagen“ Wow… das war schön!“ hüpft mein Herz.

Die Natur signalisiert uns mit diesem herbstlichen Sterben, dass dies niemals endgültig ist, sondern eine Wandlung und Regeneration. In unserer schnelllebigen Zeit haben wir es verlernt, auf diese Zeichen zu achten und betrachten das Tabu-Thema Tod mit Angst. Wenn du dich auf die Suche nach dem Sterben in der Natur machst, was findest du?

Der gesamte Waldboden besteht aus abgestorbenem Material. Es ist ein fortwährender Prozess, das ganze Jahr hindurch findet diese Transformation statt. Tod und Sterben ist draussen allgegenwärtig. Diese Wandlung ist erfahrbar und spürbar, sofern wir die Geschenke der Natur annehmen, achten und ehren. Sie sind vielfältig. Im Herbst wird es überdeutlich für jeden von uns: Gerüche von moderndem Laub, kahle Bäume im Nebel, atemberaubende Stille, denn kein Vogel singt und diese unnachahmliche Melancholie, die sich über das Land legt.

Sterben ist für mich allein der Prozess des Vergehens…

Besonders aber erinnern mich Skelettknochen und Rupfungen der Gefiederten oder tote Tiere, die ich finde, an die Vergänglichkeit. Ich behandele sie achtsam und mit Würde und danke ihnen dafür, dass ich von ihnen lernen darf. Sterben ist für mich allein der Prozess des Vergehens. Des Verlierens der Kraft, des Abgeben Müssens von Lebensenergie… Blätter, die fallen, morsches Holz usw.. Sobald der Schritt durch die Tür des Todes gegangen ist… DANN erst spüre ich den Keim… die Knospen, die Idee des werdenden Lebens.

Trauer ist eine offene, klaffende Wunder in der Seele. Wieso schmerzt Trauer so scheinbar unerträglich?

Wegen der vermeintlichen Trennung. Traurig sein ist immer etwas, was mit sich abgeschnitten oder getrennt fühlen von etwas zu tun hat. Leider spüren viele Menschen nicht mehr, dass die Verbindung in die andere Welt nicht völlig getrennt ist. Unsere Ahnen wussten es noch. Die Ahnenfeste zeigen es. Und es gibt unzählige Geschichten und Mythen, die auch heute noch lebendig sind, allerdings meiner Meinung nach nicht in ihrer ursprünglichen mutterzentrierten Form. Für unsere Ahnen bedeutete Mutter Erde alles. Sie lebten von und mit ihr und konnten sich leichter aus der lebensnotwendigen Verbindung mit der Natur heraus dem Stirb und Werdeprinzip hingeben. Ich verstehe das

Geburt und Tod als einen Prozess der Hingabe an das Leben zu verstehen, fehlt uns heute komplett durch unsere Trennung von den ursprünglichen natürlichen Prozessen in der Natur.

jetzt. Geburt und Tod als einen Prozess der Hingabe an das Leben zu verstehen, fehlt uns heute komplett durch unsere Trennung von den ursprünglichen natürlichen Prozessen in der Natur. Wir sind zu wenig vertraut und verbunden mit dem Leben der Geschöpfe dort. Trauer ist ein Teil des Ganzen und gehört auch im Tierreich dazu. Persönliche Rituale helfen mir in diesen Hingabemodus zu kommen und die Liebe aus der anderen Welt noch spüren zu können. Am besten gelingt mir das draussen im  Wald. Und es tröstet mich ungemein, dass wir alle, die wir Geschöpfe auf dieser Erde sind genau diesem ganz gewöhnlichen ursprünglichen Rhythmus unterworfen sind. Es beruhigt mich, wenn ich durch das raschelnde Laub gehe und vor mir der Nebel Dinge unsichtbar macht, die es dennoch gibt.

Der November ist ein besonderer Monat, in dem wir uns intensiv mit der Kraft derer verbinden können, die von uns gegangen sind. Das Thema Lebensübergänge, wie erlebst du das mit Kindern in der Natur?

Da wir uns als Waldläufer bewegen, finden wir tote Tiere oder ich bringe ein gefundenes mit. Die Kinder gehen damit achtsam, wertschätzend und voller Mitgefühl um. Sie erzählen dann auch oft von ihren gestorbenen Tieren oder Oma und Opa, die im Himmel sind und ich lasse sie einfach erzählen. Ein Kind sieht einen toten Baumstumpf:

“Susanne, ich schau mal, ob da noch jemand drin wohnt, ansonsten helfe ich ihm schneller zu Erde zu werden!“

“Susanne, ich schau mal, ob da noch jemand drin wohnt, ansonsten helfe ich ihm schneller zu Erde zu werden!“ Das zeigt Verbundenheit und Wissen um die Prozesse da draußen. Einmal haben sie sogar beschlossen eine tote Amsel dem Fuchs zu schenken und sie vor den Bau zu legen. Wir haben uns gemeinsam bei der Amsel für ihr Sein bedankt, dafür, dass wir sie genau studieren durften und sind von den Kindern geführt dorthin gelaufen. Sie wissen, dass um zu Erde zu werden, der Körper zerstört wird. Der Geist dieser Amsel wird uns jedoch als Geschichte immer begleiten.

Was meinst du, wirkt sich die Traurigkeit der Erwachsenen oft noch stärker und schlimmer auf Kinder aus, als der eigentliche Begriff „Sterben“?

Kinder sind, aus meiner Erfahrung, der anderen Welt noch viel näher. Sie wissen intuitiv um das natürliche Sein. Es macht ihnen keine Angst. Sie haben Mitgefühl und sind sehr sensibel. Kinder nehmen die Trauer der Erwachsenen wahr, sie ist ihnen manchmal nicht ganz verständlich. Da hilft es andere grosse Leute mit einzubeziehen, die zuhören, Struktur und Sicherheit geben. In jedem Fall sind Kinder als vollwertige Mitglieder des Familienverbandes manchmal sogar die kleinen weisen Leute, die ein wenig Trost spenden können, durch ihre unmittelbar natürliche Art diese Lebensübergänge zu erleben, besonders wenn sie viel in der Natur sind und durch Grosse angeleitet werden.

Was gibt es für Lebensübergänge zwischen Geburt und Tod und wie können wir eine Kultur schaffen, in der diese wieder bewusst und feierlich gestaltet und begangen werden?

Geht im Frühjahr raus und spürt mit allen Sinnen das Erwachen des Lebens, setzt euch kurz vor Sonnenaufgang raus und schaut zu wie sie aufgeht. Allein aus diesen magischen Momenten können Rituale und Feiern wie von selbst entstehen, wenn wir die Magie des Anfangs (Geburt) erfahren haben. Die Lebensübergänge sind genau diese Übergänge der 4 verschiedenen Seins- Qualitäten. Geboren werden, Wachsen, Reifen, Sterben wie sie sich auch in den Jahreszeiten finden, die wir, wenn wir ein ganzes Jahr achtsam und bewusst draussen verbracht haben, von selbst beobachten können. Sie sind

Je mehr wir Menschen uns mit der Natur verbinden desto klarer wird das Bild dessen, was wir für die Gestaltung der Übergänge unseres Lebens auch als moderne Menschen brauchen…

draussen sichtbar, spürbar und erlebbar. Je mehr wir Menschen uns mit der Natur verbinden desto klarer wird das Bild dessen, was wir für die Gestaltung der Übergänge unseres Lebens auch als moderne Menschen brauchen. Wir sollten Rituale erfinden, die zu uns passen. Keine Scheu es selbst zu tun. Kinder sind wunderbare Ritualliebhaber. Gestalten sollten die Grossen sie mit ihrem aus Erfahrung stammenden Wissen und dem Bewusstsein heraus, wie der Kreislauf zwischen Geburt und Tod natürlicherweise abläuft. Wenn kleine Leute schon rausgehen und ihre kleinen magischen Momente haben, nehmen sie diese Verbindung mit der Natur zum Wohle aller mit durch ihr Leben und werden großartige Grosse.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Interview, Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie © Nadja Hillgruber

Das digitale Fachblatt ist in seinem 8. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder – Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik

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