Von der Entstehung eines Buches und Naturtheaterstücks: Das Nebelmännle vom Bodensee

Ich fand das Nebelmännle vor sechs Jahren zwischen zwei Buchseiten einer Sagensammlung – etwas zerknittert, faltig und vergessen und doch lachte es mir entgegen und ich wusste sofort, dass ich gefunden hatte, was ich suchte. Ich hatte eine Sage gesucht, mit der meine und andere Kinder aufwachsen können, hier am Bodensee. Ich hatte eine Sage gesucht, die genau dieser Region entspringt, aus Wind und Wetter und Erde geboren. Eine Sage, aus der ich ein Kinderbuch schreiben und sie dadurch wieder zum Leben erwecken wollte. Das Nebelmännle, ein Naturgeist, der am Bodensee den Nebel schafft, für mich ist es so steinalt und sternenjung wie die Erde selbst.

Als ich zum Studieren nach Konstanz gezogen war, eilte mir der Ruf des legendären winterlichen Bodenseenebels schon entgegen.  Man hatte mich vor ihm und seiner auf die Stimmung schlagenden Wirkung gewarnt. Von Anfang an jedoch liebte ich den Nebel mit seiner Fähigkeit, Teile der Welt zu verhüllen, an anderer Stelle freizugeben und an der Grenze zur Sonne ein Zauberlicht zu schaffen, in dem alles möglich scheint. Das Nebelmännle – als Fastnachtsfigur war es noch bekannt, aber kaum ein Kind außerhalb der kleinen Bodenseegemeinde Bodman hatte je von ihm gehört. Ich war fest entschlossen, das Nebelmännle aus dem Nebel zu locken und wieder in das Bewusstsein der Menschen zu holen. Für mich sind es gerade solche Naturgeister, die uns als magische Verkörperung der Natur auf einer tiefen Ebene mit der Wildnis vor unseren Haustüren verbinden können.

Die kurze Sage vom Nebelmännle war in all ihren unterschiedlichen Versionen spröde und lückenhaft. Das Nebelmännle wirkte etwas unsympathisch, ich spürte, dass der archaische Naturgeist irgendwo im Laufe der mündlichen Überlieferungen oder bei der Verschriftlichung einen Teil seines ursprünglichen Charakters verloren haben musste. Bald entstand an meinem Schreibtisch und bei langen Wanderungen im Nebel und am Ort der Sage, auf dem Bodanrück, eine längere Geschichte mit einem Nebelmännle, dessen Charakter ich zwischen den Zeilen erahnt hatte. Viele eigene Ideen flossen mit ein, viele Sinneseindrücke und Begegnungen in der Natur und einiges aus anderen Bodenseesagen verwob sich während des Sammelns und Schreibens mit der Ursprungssage. 2018 schließlich wurde das Buch im Verlag Urachhaus veröffentlicht – mit den zauberhaften Illustrationen von Daniela Drescher,

Meiner Sagensuche vorangegangen waren viele Reisen in die Ferne, auf denen ich ebenfalls nach Geschichten gesucht hatte. Während meiner Studienzeit wanderte ich durch den malaysischen Regenwald, lauschte Geschichten in der mongolischen Steppe und suchte laotische Höhlengeister. Für ein Drehbuchprojekt folgte ich der Zugvogelroute der Kraniche durch Frankreich und Spanien bis zur Meeresenge von Gibraltar. Zugvögel hatte ich schon einige Jahre zuvor viele Wochen an der Ostsee erforscht und sie schließlich am Bodensee wiedergetroffen. Die Küstenseeschwalbe, dieser kleine filigrane Vogel, fliegt von Nordpol zu Südpol, eine unglaubliche Entfernung und Leistung. Sie und auch die anderen Zugvögel hier am Bodensee wiederzusehen, ließ mich meinen langjährigen Hauptwohnort noch einmal mit neuen Augen sehen und die Verbindung der Welt als Ganzes am eigenen Körper spüren.

Anke Klaaßen Autorin * Drehbuch * Naturpädagogik * Theater * Luftschlossarchitektin

Ich hatte als Drehbuchautorin immer viel über Vögel und Flügelmenschen geschrieben, aber mit der Geburt meiner Tochter 2013 begannen Bäume in meinen Geschichten zu wachsen. Ich wurde neugierig, den Ort an dem wir lebten, die Bodenseeregion, in seiner Tiefe wahrzunehmen und zu begreifen. Ich wünschte mir, meine Familie an diesem Ort zu verwurzeln. Einerseits ganz sinnlich – ich wollte wissen, wie die Tiere, die Pflanzen, die Steine hier heißen und suchte ein Werkzeug, um das mit meinen Kindern zu erleben. Darum begann ich eine Ausbildung bei der Naturschule Bodensee als Naturpädagogin. Andererseits begann ich zu lesen – Geschichten, die nur hier hatten entstehen können, denn jedes Stück Erde erzählt seine eigenen Sagen und Märchen und gebiert seine eigenen magischen Gestalten.

Für mich, als Autorin, sind es vor allem Geschichten das über reines Sachwissen hinaus verwurzeln, verbinden, beflügeln und befreien. Sie stärken ihre Erfinder, Erzähler und Zuhörer. Die Empathie mit ihren „HeldInnen“, mit Pflanzen, Tieren und Fabelwesen, schafft eine ganz besondere Beziehung zur Natur. Geschichten lassen uns unsere Verbundenheit mit der Erde fühlen und begreifen, auch durch die Möglichkeit in den Geschichten eine andere Perspektive nachempfinden zu können.

Vorführung des Theaterstücks „Das Nebelmännle vom Bodensee“

Als es nach der Veröffentlichung des „Nebelmännle vom Bodensee“-Buches an die ersten Lesungen ging, wurde mir schnell klar, dass ich keine klassische Lesung wollte. Die Idee entstand, eine Präsentationsform zu finden, die mir ermöglichte, dass Nebelmännle dort zu erzählen, wo es eigentlich herkam – in den Wäldern, am See, im Nebel. Ich wollte ein Theaterstück, aber unabhängig sein von Technik und unbeschwert von riesigen Bühnenaufbauten. 2014 war ich schon einmal mit einem Puppentheater durch Flüchtlingsheime in ganz Deutschland getourt – eine sehr wertvolle Erfahrung. Im Nachhinein dachte ich aber oft, dass es all die Technik, die wir dabeihatten, gar nicht so unbedingt gebraucht hätte.

Vorführung bei Schulklasse mit dem Kamishibai-Theater

Ich stieß bei meiner Recherche auf die japanische Kamishibai-Tradition. Die Ursprünge des Kamishibai-Theaters liegen bei den buddhistischen Wandermönchen des 10. Jahrhunderts, die mit Bilderrollen aus Papier erzählten und so ihre buddhistischen Lehren vermittelten. Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen japanische Geschichtenerzähler diese Tradition auf und entwickelten sie weiter. Sie fuhren mit dem Fahrrad durch Dörfer und Städte. Auf dem Gepäckträger hatten sie einen Holzrahmen befestigt, in den sie die Bilder für ihre Erzählungen einlegten. Ihr Geld verdienten sie mit dem Verkauf von Süßigkeiten. Heute nutzen viele pädagogische Einrichtungen einen Kamishibai-Rahmen für ein bildergestütztes Erzählen. Was mich jedoch vor allem faszinierte, war die Form des Fahrradtheaters. Mein Freund baute mir einen Holzkasten auf mein Fahrrad, ich entwickelte ein kleines Erzähltheaterstück mit dem Text aus meinem Nebelmännle-Buch, eine bunte Mischung aus Erzähl- und Figurentheater, Mitmachlesung und Bilderbuchkino. Ich schlüpfte in die Rolle einer der Protagonistinnen des Buches – die Waldfrau – und mein Mitspieler wurde eine Fisch-Handpuppe. Und so hatte ich endlich mein kleines, minimalistisches, mobiles und nachhaltiges Theater.

Während der Vorführung schlüpft die Autorin in die Rolle der Waldfrau mit der Fisch-Handpuppe

Durch das Fahrrad kann ich nun an den unterschiedlichsten Orten auftreten. Ich spielte direkt an der Burgruine Bodman, dem ursprünglichen Schauplatz der Sage. Dort erzählte ich die Geschichte in Episoden an unterschiedlichen Schauplätzen rund um die Burg und im umliegenden Wald. In der Wanderzeit zwischen den Stationen konnten wir die Stimmung in der Natur und an dem Sagen Ort aufnehmen. Einmal rissen während meines Stücks die Nebelwolken auf und die Raben krächzten über dem schneeglitzernden Wald, als ob auch sie etwas zu erzählen hätten, das war einer der magischsten Momente der Aufführung.

Während der Erzählung schützt sich die Fisch-Handpuppe mit einem Ritterhelm

In der Corona Zeit waren die Schulen froh, dass ich auch draußen spielen konnte und so erzählte ich die Sage einige Male in Schulgärten von Nebelschwaden umwabert und dick eingemummelten SchülerInnen umringt. Ich spiele das Nebelmännle auch in den Klassenzimmern doch selbst da bringt sich manchmal die Draußen Welt ein: Einmal meinte ein Schüler im nachfolgenden Gespräch mit leuchtenden Augen, dass er das Nebelmännle während der Aufführung durch das Fenster vorbeifliegen gesehen hatte. Auch meine Tochter verkündet jedes Mal beim Aufstehen, wenn der typische Bodenseenebel über der Stadt liegt: „Mama, das Nebelmännle nebelt wieder.“ Im Moment bin ich dabei noch einen neuen Erzählraum für das Nebelmännle zu erobern und entwickle aus dem Buch ein Filmdrehbuch. Nach den Aufführungen mit dem Fahrradtheater frage ich oft die Kinder nach ihren Ideen und, wie sie sich einen Nebelmännle-Film vorstellen könnten.

Das Nebelmännle vom Bodensee“ von Anke Klaaßen, mit Illustrationen von Daniela Drescher, ab 4 Jahren, gebunden, 3. Auflage, Januar 2021, ISBN 978-3-8251-5214-7, Verlag Urachhaus

Tief im See, in der Nähe von Bodman, saß das Nebelmännle. Und wenn es hervorkam, trieb es gern seinen Schabernack! Es hüllte die ganze Region in einen dichten Nebel und versteckte allerlei Dinge. Oder es feierte rauschende Feste mit den Wassernymphen, Wellenkuglern, Moosfeen und anderen Seegeistern. All das störte den Ritter von Bodman, denn der Nebel verdarb ihm seinen Wein. Und so vertrieb er das Nebelmännle – nur um bald darauf zu merken, dass mit ihm auch alle Freude verschwunden war. Also begab er sich auf eine lange Reise, um herauszufinden, was ihm fehlte. »Wenn ich nach sieben Jahren nicht zurückgekehrt bin, dann heirate einen anderen«, sagte er seiner Frau. Und so zog er in die weite Welt, um viele Abenteuer zu bestehen – und um zuletzt dem Nebelmännle wieder zu begegnen …

Zum Erwandern: Von der Gaststätte „Bisonstube Bodenwald“ in Bodman-Ludwigshafen aus die Burgruine Bodman und das Kloster Frauenberg erwandern, dem Nebel (und dem Nebelmännle?) begegnen, die wunderbare Sicht auf den Bodensee genießen und den verwunschenen, wilden Wald des Bodanrücks entdecken.

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Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber

Bildnachweis: © Genossenschaft Feuervogel für Naturpädagogik, Fotos Nadja Hillgruber enstanden beim Frühlingsfest der Montessori Schule «Bildung mit Weitblick», Profilfoto Anke Klaaßen

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” ist in seinem 13. Erscheinungsjahr unter dem Dach der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik in der Schweiz

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