Mit dem Sprechstab wird eine neue Kultur der Harmonie eingeführt, damit böse Wutmonster erst gar nicht auftauchen

p1670472-1495512100-97.jpg

Die Tür knallt. Rums! Die nächste Tür knallt. Baff! Genervt und unter Tränen sitzt die achtjährige Tochter auf dem Boden an ihr Bett gelehnt. Sie schnaubt, schluchzt und vibriert wütend und ist fassungslos, dass ihr Bruder gerade so gemein zu ihr war. Im anderen Zimmer, schmeisst sich der zehnjährige Bruder genervt auf sein Bett und flucht vor sich, „Ich weiss gar nicht was sie hat, ich habe doch gar nichts gemacht.“ In der Küche steht die Mutter erstaunt kopfschüttelnd und kann nicht glauben, wie gerade mal wieder die Fetzen geflogen sind. Bei allen dreien knödelt sich eine Wut im Bauch, die sich kiloschwer anfühlt. Eine klassische Szene, wie sie in den besten Familien vorkommt und für alle beteiligten ermüdend ist, wenn immer über die gleichen Dinge gestritten wird.

Willkommen zur Sprechstab Zeremonie in der „La Loba Naturwerkstatt“

„Man liebt sich auseinander und zankt sich zusammen“, ein Zitat von Kurt Tucholsky hat uns neugierig gemacht und wir sind der Einladung von Christine Müller-Hottinger aus Eschenbach gefolgt. Sie hat uns eingeladen, an ihrer Sprechstab Zeremonie für Familien teilzunehmen. In einem alten urigen Bauernhaus empfängt die 47-jährige Naturpädagogin und naturorientierte Prozessbegleiterin die Infothek Waldkinder. Die stürmische, aber herzliche Begrüssung ihres Hundes Lakota, heisst einen willkommen. Nachdem sich alle Gemüter beruhigt und beschnuppert haben, steigen wir die steile Treppe zu ihrer „La Loba Naturwerkstatt“ hinunter.

www.laloba-naturwerkstatt.ch
www.laloba-naturwerkstatt.ch

Ein kleiner charmanter Raum dekorativ geschmückt mit Trommeln und Rasseln und allerlei Naturmaterialien, wie Federn, Steine, Wolle, Filz und Perlen, die einer Naturwerkstatt auch ihr geheimnisvolles Aussehen gibt. Christine veranstaltet hier neben ihren Familienangeboten auch Trommelworkshops. Dass es bei ihrem Angebot, einen Sprechstab für Familien zu kreieren, um mehr geht, als nur um reine Bastelarbeit, lässt das Ambiente des Raumes bereits erahnen. Zu anfangs wird man mit dem Räucherduft von Salbei, Beifuss und Holunderblüten gereinigt und die Trommel aus Arvenholz und der Haut einer Steingeiss aus dem Bündnerland, schlägt dazu. Gespannt lauscht man den Worten von Christine.

In ihrer „La Loba Naturwerkstatt“ präsentiert Christine während der Sprechstab Zeremonie ihre Schätze an Stäben, die sie selber in der Familie, an Seminaren oder Ritualen verwendet.
In ihrer „La Loba Naturwerkstatt“ präsentiert Christine während der Sprechstab Zeremonie ihre Schätze an Stäben, die sie selber in der Familie, an Seminaren oder Ritualen verwendet.

Neue Gewohnheiten schaffen statt die Köpfe rauchen zu lassen

Ich streite mit dir, weil du mir wichtig bist! In einer Familie sind die Menschen sich wichtig und es ist nicht immer alles harmonisch und friedlich. Christine erinnert sich, dass auch in ihrer Familie mit drei Jungs es an Streitigkeiten oder Konflikte nicht gefehlt hat. Immer ging es um die gleichen Dinge über die gestritten wurde,

Immer ging es um die gleichen Dinge über die gestritten wurde…

was Kräfte zehrend und ermüdend für alle Beteiligten ist. 2001 hat sie den Sprechstab damals in ihrer Familie eingeführt, als ihre Kinder drei, sechs und neun Jahre alt waren. „Einer der letzten Konflikte, an den ich mich erinnere, da ging es um Loslassen, Vertrauen, was ist meins, was ist deins und wo grenze ich mich ab“, sagt Christine. Das war im Jahr 2013. Es sind neue Gewohnheiten die in eine Familie einziehen. Gemeinsam kreieren die Familienmitglieder ihren Sprechstab, jeder trägt seinen Anteil an dem Stab für die friedvolle Kommunikation bei. Das ist wie ein Zauber den die Familie umhüllt, denn der Stab repräsentiert die Gruppe als Ganzes.

Christine Müller-Hottinger lebt mit ihrer Familie und dem Hund Lakota in Eschenbach SG. Als Naturpädagogin und Naturorientierte Prozessbegleiterin schöpft sie für ihre Familienangebote aus viel Erfahrung, die sie an ihre Kursteilnehmer gerne weitergibt.
Christine Müller-Hottinger lebt mit ihrer Familie und dem Hund Lakota in Eschenbach SG. Als Naturpädagogin und Naturorientierte Prozessbegleiterin schöpft sie für ihre Familienangebote aus viel Erfahrung, die sie an ihre Kursteilnehmer gerne weitergibt.

Indianische Geschichte

Zwei Indianer, Grossvater und Enkel, sassen zusammen und unterhielten sich. Der Grossvater meinte: “ich habe stets das Gefühl, als würden in meinem Herzen zwei Wölfe miteinander kämpfen. Der eine ist zornig, wild und wütend… der andere aber ist gütig, voller Liebe und Kraft.” “Welcher der beiden Wölfe wird gewinnen?”, wollte der Enkel wissen. “Der, dem ich am meisten Nahrung gebe”, war die Antwort des Grossvaters. Und welchen Wolf nährst du?

Bei ihrer naturpädagogischen Feuervogel Ausbildung lernte sie erstmals den Sprechstab kennen. Vertiefen konnte Christine die Praxis mit dem Sprechstab in ihrer „Women and Earth“ Ausbildung zur naturorientierten Prozessbegleiterin. Die Art mit dem Herzen zu hören und mit dem Herzen zu sprechen inspirierte sie für die Idee des Familiengebots in ihrer Naturwerkstatt. Die indianische Geschichte veranschaulicht, dass die Menschen die Möglichkeit haben ihre Schatten- und Sonnenseite kennenzulernen und anzuschauen. Christine zeigt mit ihrer Zeremonie, welcher Wolf mit welchen Gewohnheiten genährt wird.

Ich biete einen Raum, wo es nicht um richtig oder falsch geht, sondern ums Sein…

„Ich biete einen Raum, wo es nicht um richtig oder falsch geht, sondern ums Sein. Zusammen kreieren sich die Familien ihren Sprechstab, das Werkzeug für zu Hause. Ausserdem biete ich ihnen eine Praxis, den Council oder grosser Rat genannt, kennenzulernen. Ich schenke einen geschützten Ort wo Beziehungen gestaltet werden.“, sagt Christine. Für diese mutige und starke Frau ist es ein Herzensweg, sie weiss, dass es in Familien Hochs und Tiefs gibt und sie selber pflegt diese Praxis der Familienkonferenz mit einem Sprechstab seit sechzehn Jahren in ihrer Familie. Sie selber lernt auch immer wieder Neues dazu. Denn immer wieder sind es andere Sprechstabrunden, bei denen man im vornehinein nicht sagen kann, wohin sie führen. Denn der Beginn jeder Sprechstabrunde ist wieder der Beginn einer Reise.

Christines Schatzkiste an verschiedenen selbstgestalteten Sprechstäbe mit Filzwolle, Fell, Leder, Knochen oder Perlen.
Christines Schatzkiste an verschiedenen selbstgestalteten Sprechstäbe mit Filzwolle, Fell, Leder, Knochen oder Perlen.

Regeln für die Sprechstab Verwendung

„Bei einem Council hörst du mit den Ohren eines Hasen in die Stille zwischen den Worten“, steht in dem Buch „Der grosse Rat“ von Jack Zimmermann & Virginia Coyle. Kinder und Erwachsene lernen mit dem Sprechstab „Reden mit Essenz“. Das Besondere bei dem Angebot von Christine in ihrer Naturwerkstatt ist, dass die Menschen mit dem Ritual auch die Regeln kennenlernen. Das was die Familie als Ganzes repräsentiert, der Sprechstab, die Kugel oder die Feder ist das Werkzeug. Alle bilden einen Kreis und setzen in ihre Mitte eine Kerze oder ein Feuer. Bevor die Runde im Kreis anfängt, ist die inhaltliche Absicht, welches Thema besprochen werden soll, allen in der Gruppe bekannt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die Absicht nicht immer einen Konflikt braucht.

Kinder und Erwachsene lernen mit dem Sprechstab „Reden mit Essenz“…

Auslöser können auch eine Geschichte, Diskussion oder eine Idee sein. Die Idee des Councils hat bereits einige Jahrhunderte überlebt und taucht immer wieder in neuen Generationen und Kulturen auf. Das Netz der Menschen, die weltweit Councils veranstalten ist gewachsen. Diese Praxis hat an vielen Orten Platz, z.B. in Familien, in der Paarbeziehung, mit Kindergruppen, in der Schule oder bei der Arbeit. „Echtes zuhören ist ein Anliegen, dass uns alle betrifft und den Völkern dieser Erde Versöhnung bringen soll, die in dieser Zeit dringend gebraucht wird. Es ist ein uraltes Werkzeug, das tausende von Jahren bei Menschen genutzt wurde. Der Ursprung liegt bei den indigenen Völker und kann wieder mit der modernen Welt verwoben werden, um es neu aufleben lassen.“, sagt Christine mit tiefer Überzeugung.

Auch andere Handschmeichler, wie diese Kugel können als Sprechwerkzeug verwendet werden.
Auch andere Handschmeichler, wie diese Kugel können als Sprechwerkzeug verwendet werden.

Beim Streiten fallen wir in alte Muster zurück

Das erstaunliche bei Sprechstabrunden ist, dass alle schweigen, während einer spricht. Während wir es im Streit oft erleben, dass wir in alte Muster zurückfallen, die eigentlich nicht mehr zu unserem Entwicklungsstand passen. Weil wir es so aus dem eigenen Elternhaus kennen und in Stresssituationen dort hineinfallen. Neben dem richtigen formulieren, welche Bedürfnisse, Werte, Ziele und Vorstellungen jemand hat, gehört auch das richtige Zuhören dazu. „In einer Sprechstabrunde ist das Zuhören das Eingangstor zum Geheimnis, lernte ich von einer weisen Frau.“, sagt Christine.

In einer Sprechstabrunde ist das Zuhören das Eingangstor zum Geheimnis…

Im Kreis sitzend schafft die Runde ein Gefäss für Empathie und Ehrlichkeit und hilft uns eine nicht hierarische, gewaltfreie Kommunikation zu pflegen. „Wir schaffen einen zeitlosen Raum, wo der Geist durch uns fliessen kann“, sagt Christine. Es ist ein offener Herzensraum, eine Plattform, ein Kreis von Menschen in dem sie sich echt, ehrlich und wahr zeigen dürfen, gesehen und gehört werden. In dieser Runde haben taktische Gedankenzüge nichts verloren. „Denn wer denkt kann nicht zuhören und wer zuhört kann nicht denken“, sagt Christine. Weiter meint sie, „Mir geht es darum, den Familien mit meinem Angebot, einen roten Faden für ihren Lebensteppich mitzugeben. Ob sie ihn einweben, ist ihre eigene Entscheidung oder Umsetzung.“

Das ist der Eingang zur „La Labo Naturwerkstatt“ von Christine Müller-Hottinger. Hier veranstaltet sie ihre Sprechstabkurse und gibt auch Trommel- und Rasselbaukurse
Das ist der Eingang zur „La Labo Naturwerkstatt“ von Christine Müller-Hottinger. Hier veranstaltet sie ihre Sprechstabkurse und gibt auch Trommel- und Rasselbaukurse

Es ist eine Frage der Haltung gegenüber Verständigung und Verständnis für die Kinder

„Die Kinder fühlen sich gestärkt, sie werden selbstsicherer, selbstbewusster und spüren, dass sie zur Familie gehören.“, sagt Christine. Es ist so weise, was die Kinder in einem Kreis erzählen. Es werden andere Wörter oder Sätze gewählt, die eine Bereicherung für die ganze Familie sind. Die Eltern als Leitwölfe geben somit ein wertvolles Geschenk für die Zukunft weiter. Eben auch, dass sie nicht perfekt, nicht alles wissen und an den Lebensprozessen der Kinder und ihren eigenen mitwachsen wollen und können. Abschliessend sagt Christine, „Mein jüngster Sohn wird dieses Jahr achtzehn Jahre alt und wir haben eine wunderbare Enkelin, so geht der Kreislauf weiter. Ich webe an meinem Lebensteppich weiter, mit dieser Wahrheit! Denn der Reifeprozess hört erst auf, wenn mein Herz aufhört zu schlagen! Mitakuye Oyasin – ich bin mit allem verwandt!“

Hier zu sehen, wie Christine von einem Wolf begrüsst wurde, als sie das Wolfsforschungszentrum in Wien besucht hat.
Hier zu sehen, wie Christine von einem Wolf begrüsst wurde, als sie das Wolfsforschungszentrum in Wien besucht hat.

Dieses Lied singt Christine mit Menschen im Kreis am Feuer:

Here We Are

Here we are once againHolding hands in a circle

Mother Earth gives us birthFather Sky brings us changes

Face the sun feel the powerFace the moon let it flow

Hier sind wir

Hier sind wir wieder einmal,halten uns im Kreis an den Händen

Mutter Erde gibt uns das LebenVater Himmel bringt uns den Wandel

Wende dein Gesicht der Sonne zu, spüre die KraftWende dein Gesicht dem Mond zu, lass es fließen

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Interview, Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis:

Fotografie © Nadja Hillgruber, Infothek Waldkinder

Das digitale Fachblatt ist in seinem 8. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder – Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft

%d Bloggern gefällt das: