Nomadische Erzählkunst: Das Geheimnis gute Geschichten zu erzählen

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Hast du auch schon einmal Kathinka Marcks, von der Nomadischen Erzählkunst, bei ihren Geschichten zugehört? Es ist ihr ganz eigener Stil und Ausdruck, wie sie ihre Zuhörer und Zuhörerinnen mitreisst. Sie steht mitten in der Natur, schaut dich direkt an und fängt an zu erzählen. Ihr ganzer Körper bebt, während sie erzählt, weil die Geschichte durch sie hindurch geht.  Dieser ureigenste Weg ihrer Ausdruckskraft, wie sie mit ihrer Mimik, Gestik und Körper spielt und experimentiert, zieht den Zuhörer in seinen Bann. Ihre Augen werden gross, die Brauen ziehen nach oben, die Stirn gerunzelt, der Kopf leicht zur Seite geneigt und ihr Mund lächelt oder zieht auch mal eine Schnute. Es ist ein Schauspiel par exellence!

Die Geschichte aus der Dunkelheit und dem kranken Mädchen, erzählt von Kathinka Marcks von den Cree

In diesem Augenblick des Erzählens reist meine Seele mit und erlebt und spürt all die Gefühle, die das kranke Mädchen, ihre Eltern und der Schamane in der Geschichte durchleben mit. Ich fühle, wie das Mädchen hustet, wie ihr Atem rasselt und wie der Schamane in ihrer Brust den Fuchs hört, der durch den Schnee läuft. Jetzt möchte ich nur noch wissen, ob das kranke Mädchen gerettet wird.

https://nomadische-erzaehlkunst.de/
https://nomadische-erzaehlkunst.de/

Kathinka Marcks war zuerst als Zuhörerin unterwegs, bis sie während ihres Studiums auf La Rèunion, die Kraft der Geschichten entdeckte. Inzwischen ist es ihre leidenschaftliche Berufung geworden, Geschichten zu erzählen, die aus dem Literarischen, Biographischen, auch Volksgut und Mythen aus der ganzen Welt kommen. Zusammen mit Daniel Hoeckendorff, der als Wildnisführer, die Menschen durch die Wildnis begleitet, sind sie Teil des Vereins Nomadische Erzählkunst. Der Verein setzt sich für eine gesellschaftliche Transformation ein. Ihr Werkzeug ist dabei das Erzählen von Geschichten. Der Verein veranstaltet unter anderem Workshops und ist Organisator des Festivals Weltgeschichtentage und des Erzählcafés.

Der Verein Nomadische Erzählkunst bietet Workshops und Ausbildungen an
Der Verein Nomadische Erzählkunst bietet Workshops und Ausbildungen an

Der persönliche Lernpfad der Nomadischen Erzählkunst erlernen

Kathinka und Daniel wollen mit ihrem Verein Menschen auf den Erzählpfad führen. Jedoch ist nicht ihre Vorstellung dies in Seminarräumen zu tun, sondern ihre Idee ist, draussen in der Natur auszubilden, denn dort können Geschichten viel lebendiger erzählt werden. Weit gereist, nehmen Kathinka und Daniel viele Menschen in den Städten wahr, die sich nicht in die Natur trauen und in ihnen vereinsamen. Mit ihren Workshops und einer Ausbildung, die Kunst des Erzählens zu vermitteln, kommen die Menschen zu ihnen ans Feuer und lernen hautnah das Erzählen. Diese neue Form des Erzählens lernen, soll die persönlichen tiefsten Gedanken aus ihren Herzen hervorholen, die die Menschen in die Welt tragen wollen.

Die ausgewählten Plätze ihrer Veranstaltungen in der Natur liegen im Schwarzwald

Die ausgewählten Plätze ihrer Veranstaltungen in der Natur liegen im Schwarzwald, dort gestaltet die Teilnehmergruppe gemeinsam ein Lager. Der Nomadische Gedanke dabei, sie reisen an, bauen ihr Lager auf, bereiten gemeinsam ihr Essen zu. So bleibt viel mehr Zeit, die Erzählkunst zu lernen. «Einfüsse von aussen sind für das Erzählen so wichtig, im besten Fall passiert Magie, die sofort in die Geschichten eingebaut wird. In der Natur passieren viel mehr Impulse, z.B. ein Vogel fliegt, Sägen sind zu hören, Wanderer laufen vorbei und ein Schmetterling macht eine kleine Pause auf einer Blume.“, sagt Daniel. „Das sind alles Impulse die unsere Teilnehmer beim Erzählen, wunderbar einbauen können. Magische Momente werden erschaffen von Augenblicken, die gleichzeitig geschehen. Ich habe es schon erlebt, dass ein Teilnehmer von einem Rabe erzählte und in dem Moment fliegt ein Rabe vorbei. Wenn du mit offenem Herzen unterwegs bist, fügen sich Ereignisse einfach. Das sind wahre Gänsehaut Momente. Diese Chance hast du auch nur draussen, denn in einem Raum kann kein Rabe vorbeifliegen.“, ergänzt Daniel

Es ist die begeisternde Leidenschaft, aufrichtige Haltung und überzeugenden Werte mit denen die beiden ihrem Herzensweg folgen. Umso berührender sind ihre Antworten auf unsere Fragen, die sie mit ihrer Offenheit unseren Lesern schenken:

Geschichtenerzählen ist wie…?

Kathinka – Reisen mit der Seele. Deine Seele erlebt all das was in der Geschichte passiert. Das merken wir, wenn die Geschichte sich immer wieder bei uns meldet, beinahe jeden Tag klopft sie an. Sie arbeitet in uns und kann uns sogar transformieren. Manchmal löst eine Geschichte auch einen Knoten in der Seele. Auf einmal spürt man dann eine innere Zufriedenheit und neue Klarheit.

Welche Geschichten machen die Welt enkeltauglicher?

Daniel – Es sind nicht die Geschichten, die die Welt enkeltauglicher machen, sondern die Menschen, die ihr Verhalten ändern.

In ihrem Buch “Kurze Geschichte des Mythos” erklärt die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong: “Wir Menschen sind sinnsuchende Lebewesen und geraten leicht in Verzweiflung, und so haben wir von Anfang an Geschichten erfunden, die unser Leben in einen größeren Zusammenhang stellen.”

Unser technokratisches Zeitalter ist sehr vom rationalen Verstand und seiner linearen Denkweise geprägt. Der Logos gilt im Westen als einzig angemessene Art und Weise, die Welt, in der wir leben, zu gestalten. Doch es ist der ethisch und spirituell geprägte Mythos, der dem Leben Struktur und Sinn verleiht und die dunkleren Kräfte der Seele (unsere destruktiven Ängste und Begierden) zu bändigen vermag. Um verantwortungsvoll und in Würde zu leben, sind beide Denkweisen, Mythos und Logos, gleichermaßen erforderlich.

Draussen in der Natur werden magische Momente erschaffen, die beim Erzählen unterstützen
Draussen in der Natur werden magische Momente erschaffen, die beim Erzählen unterstützen

Braucht erzählen ein modernes Outfit? Ein neues Veranstaltungsformat, damit es als Kunst erkannt wird?

Kathinka – Davon sind wir überzeugt. Deswegen erfinden wir ständig neue Formate, wie wir das Erzählen wieder zurück in die Welt bringen. Unser Festival Weltgeschichtentage ist dafür ein gutes Beispiel: In kleinen Läden sitzen die Menschen dicht gedrängt und lauschen meist Geschichten in mehreren Sprachen. Das Handy ist vergessen, es wird nicht gefilmt und nicht fotografiert. Und dann geht die Reise weiter in einen neuen Laden, eine neue Welt. Man muss sich nicht anmelden, man kann einfach kommen und auch wieder gehen, wenn man möchte. So erreichen wir viele Menschen und zeigen welch eine unfassbare Flexibilität im Erzählen steckt und auch welch unglaubliche Wirksamkeit.

Wie können Erzähler ihre Zuhörer mitreissen?

Daniel – Ein altes Sprichwort der schottischenTravellers sagt: “A story should be told eye to eye, mind to mind and heart to heart.” Wenn du erzählst, öffnest du eine Tür zu einem Raum, der normalerweise verschlossen ist – und du lädst deine Zuhörer ein, mitzukommen. Wenn sie dir folgen, werden sie etwas Unglaubliches erleben: Du erschaffst eine Welt voller Wunder und Abenteuer – letztlich nur, indem du deine Atemluft zu Worten formst. Was immer du als Erzähler*in vorbereitet hast: Die eigentliche Geschichte entsteht in diesem flüchtigen Raum. Als Erzähler*in gibst du ihr eine Gestalt, aber die Emotionen, Bilder und Resonanzen entspringen der Imagination der Zuhörenden. Erzählen ist eine partizipative Kunst – es lebt vom Kontakt mit den Zuhörenden. Das macht Geschichten zu einem der kraftvollsten Medien, die gleichzeitig Individualität unterstützen während sie Gemeinschaft aufbauen.

Kathinka – Ja, das Sprichwort sagt es. Je weiter du dein Herz öffnest, je mehr du dich zeigst, so wie du bist – ohne verstecken, ohne dich größer zu machen – umso mehr werden die Zuhörer in die Geschichte hineingesogen und selbst tief im Inneren berührt.

Kathinka Marcks und die Geschichte von dem Zentauer

Wie wird die «persönliche Handschrift» beim Geschichten erzählen erlebbar?

Kathinka – Wenn wir das Leben als Kreislauf betrachten, dann wiederholt sich alles, dennoch ist kein Moment gleich. Auch jeder Erzähler ist anders und es ist wichtig herauszufinden, was einen selbst so besonders macht. Dabei hilft es sich positives Feedback von deinen Zuhörern einzuholen und bald wirst du wissen, wo deine Stärken liegen. Die persönliche Handschrift mancher Erzähler erkennt man auch daran wie sie anfangen und wie sie aufhören. Ich selbst habe es mir noch nicht angewöhnt, höre aber gerne zu, wenn eine Erzählerin z.B. beginnt mit: „Eine Geschichte ist so bunt und fein verwoben und verknüpft wie ein Teppich. Ich wünsche dir gute Ohren, dass du mir folgen kannst und mir, dass ich den Faden nicht verliere, um den Teppich zu einem guten Ende zu bringen.“

Es gibt auch ganz skurrile Anfänge, ich nenne sie Wachmacher: „Auf einer Wolke unter dem Meer, in 3000m Höhe, schien die Sonne so stark, dass es hagelte. Die Hagelkörner verwandelten sich in pinke Schmetterlinge und kreiselten davon. Da tauchte ein blinder Vogel durch einen hellen Tunnel und sah dort einen zahnlosen Fisch dabei zu, wie er in einen Sandwich biss. Ein stummer Schmetterling kam gelaufen und meinte, dass solle er lieber lassen, denn der Kuchen gehöre ihm. Er faltete den Kuchen zusammen und steckte ihn in seine Umhängetasche, die sogleich im Boden versank. Das Loch war nur zwei Finger breit und so fiel auch der Schmetterling hinein. Das hatte er davon. So kommen und gehen die Dinge. Nichts bleibt ewig.“

Was meint ihr geschieht mit den Bildern, die im Kopf entstehen bei den Zuhörern?

Daniel – Wir erzählen Geschichten, um Menschen dabei zu unterstützen, in ihren Umfeldern Verbundenheit und Kreativität wachzurufen. Wir wissen aus der Neurobiologie, dass die inneren Bilder (bzw. inneren Sinneseindrücke) Menschen in entsprechenden geistigen Suchprozessen unterstützen können. Ästhetischer hat es allerdings der mittelalterliche Mystiker Meister Eckardt ausgedrückt: “Wenn die Seele eine Erfahrung machen will, wirft sie ein Bild dieser Erfahrung vor sich nach außen und tritt dann in ihr eigenes Bild ein.

Vertrauen ist die stillste Art von Mut. Wie passt dieser Spruch zum Erzählen?

Kathinka: Was mir dazu einfällt: Demut ist beim Erzählen ein wichtiger Anteil. Die Geschichte geht durch mich hindurch und natürlich erkennen die Zuhörer mich möglicherweise in der Geschichte wieder, aber es geht nicht um mich und ich stelle mich auch nicht dar. Ich schenke dem Zuhörer eine Geschichte, ob er sie annehmen möchte, liegt in seiner Hand.

Hier geht es zur Anmeldung zum Webinar mit Kathinka Marcks und Daniel Hoeckendorffhttps://elopage.com/s/NatureFlow-Fachblatt/webinar-nomadische-erzaehlkunst
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https://www.feuervogel.ch/nature-flow-das-digitale-fachblatt/
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Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber

Bildnachweis und Text: © Nomadische Erzählkunst eV

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” ist in seinem 12. Erscheinungsjahr unter dem Dach der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik in der Schweiz

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