Stell dir vor, wenn morgen der Frieden ausbricht

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Die Geschichte vom Friedensstiften erzählt man sich seit vielen Jahren. Sie erzählt von den Grausamkeiten und Schmerzen des Krieges und der Chance zum Frieden zu finden und ihn zu gestalten. Wir treffen Alexandra Haaji, sie erzählt nun seit bald zehn Jahren die Geschichte vom Friedensstiften. Sie ist Naturmentorin, Wildnistrainerin, Kräuterpädagogin und Friedensstifterin in Kärnten/ Österreich. Nach einer langen Reise fand sie für sich das passende Lebenskonzept mit den dazugehörigen Menschen. 2010 gründete sie in Kärnten den „SpielRaumNatur“ ist seither mit Jahresprojekten im Friedensstiften. Seit 10 Jahren ist sie als Naturmentorin für Kinder und Jugendliche, Frauen- und Mädchenkreisen, sowie mit Wildnis Angeboten für Erwachsene tätig.

Mutter zweier Teenager, Naturmentorin, Wildnistrainerin, Kräuterpädagogin und Friedenstifterin, gründete 2010 den SpielRaumNatur in Kärnten und ist seither an  Schulen mit Jahresprojekten im Friedenstiften, Naturmentoring für Kinder  und Jugendliche, Frauen- und Mädchenkreisen, sowie     Wildnisangeboten für Erwachsene tätig.
Mutter zweier Teenager, Naturmentorin, Wildnistrainerin, Kräuterpädagogin und Friedenstifterin, gründete 2010 den SpielRaumNatur in Kärnten und ist seither an Schulen mit Jahresprojekten im Friedenstiften, Naturmentoring für Kinder und Jugendliche, Frauen- und Mädchenkreisen, sowie Wildnisangeboten für Erwachsene tätig.

Die ursprüngliche Friedensstiftergeschichte dauerte 9 Tage lang, bis sie zu Ende erzählt war. Traditionell wurde sie über Generationen weitergereicht. Dem Zeitgeist entsprechend, werden die alten Traditionen wiederbelebt und dieser Zeit angepasst und neu entwickelt. „Das hat auch jede Menge mit den schönen Worten zu tun, die überall umherschwirren“, sagt uns Alexandra Haaji,

„…wie Potentialentfaltung, Eigenverantwortung, Gemeinwohl, weil das alles in dieser Geschichte steckt.”

„wie Potentialentfaltung, Eigenverantwortung, Gemeinwohl, weil das alles in dieser Geschichte steckt. Es sind kraftvolle und starke Geschichte, auf die die Vision der Wildnisschulen beruht. Das tangiert auch die anderen Methoden, wie Natur- und Waldpädagogik, die dort integriert sind.“ Für Alexandra Haaji gehören Naturmentoring und Friedenstiften zusammen. Das eine kann ohne das andere nicht bestehen. Friedenstiften ist heilsam für die Menschen und damit für die Gesellschaft. Die Säulen des Friedenstiftens sind: Gute Nachricht, Einheit, Frieden und Heilung. Auf diesen Säulen beruhen alle Kurse und sind damit verbunden eine Lebenseinstellung. Es sind die sozialen Aspekte, die über die Naturverbindung verstärkt werden. Die Naturmentorin erzählt uns, das fängt bei ihr schon mit kleinen Handlungen im Alltag an, gerade wie wir miteinander kommunizieren.

Infothek Waldkinder: Kannst du uns dies an einem anschaulichen: Beispiel erklären, wie dies im Alltag geschieht?

Alexandra Haaji:  Ein Besuch auf dem Wochenmarkt, ihr schlendert durch die Stände und begegnet jemandem, den ihr kennt. Ihr unterhaltet euch: „Hallo, wie geht`s?“ „Gut.“. Jeder führt seinen Monolog und ihr redet glücklich aneinander vorbei. Ihr erzählt von euren Leiden und Krankheiten, bis ihr euch wieder verabschiedet und das war es. Das hat nichts mit Kommunikation zu tun.

Was ist dann richtige Kommunikation?

Das wir lernen, einander wieder zuzuhören. Einander nicht zu unterbrechen. Das ist eine Lebensaufgabe. Weil wir es wirklich nicht gelernt haben. Ich sehe das selber an mir, wenn ich das übe. Den Werter auf die Schulter setzen und dem Gegenüber trotzdem zuhören. Das kann oft für unser Gegenüber selbst sehr verwirrend sein, denn dieses Zuhören findet nur statt, in dem ich „hm“ sage oder gar nichts. Statt mit den Worten zu reagieren „Oh, wie furchtbar! Nein, wirklich! Da hast du ja vollkommen recht“. Diese Floskeln gibt es nicht, vorausgesetzt man hört richtig zu. Denn eigentlich warten wir darauf, dass unser Gegenüber uns wahrhaftig zuhört.

Was ist deiner Meinung nach die Ursache, dass wir diese Floskeln verwenden?

Wir reden unglaublich viele Dinge, die uns über den Lauf unserer Jahre in den Mund gelegt wurden und wir merken gar nicht, was wir eigentlich reden. Das sind schon so eingebaute Muster. Ich beobachte, wie Erzählende mir ihre Worte bestärken möchten, in dem sie zu mir sagen „Ist das nicht so?“ oder „Nein, aber findest du nicht auch?“ Stattdessen antworte ich ihnen, „Ich höre dir mal einfach nur zu, was du mir zu sagen hast.“ Als ich das an mir selbst erlebt habe, dachte ich, mein Gegenüber nimmt mich auf den Arm. Dennoch habe ich gemerkt, was es in mir auslöst. Ich habe mich selbst wahrgenommen und gespürt. Mit einem Mal wurde mir bewusst, welche Worte ich spreche.

Werden die Worte gewählter gesprochen oder welcher Prozess wird ausgelöst?

Es passiert durchaus, dass die Worte bewusster gewählt werden. Es geschieht jedoch noch viel mehr währenddessen. Die Zuhörenden üben sich darin, den inneren Werter abzuschalten, oder schalten ihn leiser. Denn bewerten ist auch überlebensnotwendig, wenn etwas für mich lebensgefährlich ist.

In Gesprächen ist es jedoch so, dass wir sehr schnell überreagieren oder schnell etwas bewerten, ohne darüber zu reflektieren.

In Gesprächen ist es jedoch so, dass wir sehr schnell überreagieren oder schnell etwas bewerten, ohne darüber zu reflektieren. Lernen zuzuhören, dadurch gibt man seinem Gegenüber Raum und es entsteht eine Verbindung. Daraus dürfen Verbindungen wachsen. Ich empfehle hier auch gerne eine Übung. Je nach Alter sprechen wir 1 Minute, 2 Minuten bis maximal 5 Minuten miteinander. Und zwar so, dass der andere ausschliesslich zuhört und nichts sagen darf. Vielleicht ein „hm“, mehr aber nicht. Nach der Gesprächszeit tauschen wir unsere Rollen.

Ein wesentliches Element beim Friedenstiften ist, sich willkommen zu fühlen. Kannst du ein Beispiel beschreiben, dass dich bei deinen Projekten beeindruckt hat?

Zum Thema Willkommenskultur hatte ich vier Tage mit einer Integrationsklasse an der Volksschule zusammen ein Projekt. Kinder mit Beeinträchtigungen und unterschiedlicher Nationen haben daran teilgenommen. Mit ihnen habe ich Willkommen-Heissen gespielt. Die Klasse habe ich in zwei Gruppen geteilt. Der einen Gruppe habe ich ins Ohr geflüstert, „Ihr heisst die anderen willkommen“. Der anderen Gruppe sagte ich, „Ihr heisst eure Gäste nicht willkommen.“ Bei der ersten Gruppe konnte ich beobachten, wie sie alles schön hergerichtet und gekocht hatten. Mit Blättern wurde dekoriert und Lieder wurden gesungen. Für mich war das echtes Gänsehautfeeling. Anschliessend kam die die andere Gruppe an die Reihe. Bei ihnen beobachtete ich, mit welch abwehrenden Haltung sie dagestanden sind. Im Sinne von „Geh weg!“ „Wir wollen dich nicht hier!“.

Die Schulgruppen mit denen Alexandra Haaji zusammenarbeitet, können erlebte Gefühle beim sozialen Lernen, als friedfertige Gefühle speichern
Die Schulgruppen mit denen Alexandra Haaji zusammenarbeitet, können erlebte Gefühle beim sozialen Lernen, als friedfertige Gefühle speichern

Wie hast du anschliessend mit der Gruppe weitergearbeitet?

Wir hatten uns wieder im Kreis zusammengesetzt und uns gegenseitig gefragt, wie es ihnen in ihrer Rolle ergangen ist. Da kamen keine Standardsätze, denn jeder konnte über sein erlebtes Gefühl erzählen, wie es ihm dabei ergangen ist. Gehe ich in eine Schule und frage die Kinder: „Was ist Frieden?“ Erhalte ich die Standardantworten. Frieden heisst für sie: „Das wir nicht streiten.“ „Das wir lieb zu einander sind.“ Das klingt sehr auswendig gelernt. Beim sozialen Lernen ist es schwierig für sie, nicht-körperliche Erfahrungen in Worte zu fassen.

„Wo hast du das letzte Mal Frieden gespürt?“

Wie gelingt es dir in deinen Projekten, Antworten zu erhalten, die authentisch klingen?

Bei dem Willkommen-Heissen Spiel habe ich sie gefragt: „Wie fühlt sich Frieden an?“ „Wo ist der Frieden in dir?“ „Spürst du den Frieden in deinem Körper?“ „Wo hast du das letzte Mal Frieden gespürt?“ Da sprudeln Antworten wie, „Als ich am Schwimmbecken gelegen bin!“ Ja, genau, das sind friedfertige Momente. Das sind Momente, Augenblicke, die haben sie selbst erlebt. Daran können sie sich erinnern, weil es in ihrem Körper gespeichert ist.

Dann hat für dich Friedenstiften also nicht nur damit etwas zu tun, dass man in Gemeinschaft friedlich miteinander umgeht, sondern Frieden beginnt, wo man sich auch selbst spürt, durch eigene selbstgemachte Erfahrungen?

In meinen Augen ist die Essenz diese, der Frieden beginnt bei dir selbst. In meiner „Friedenstifter“ Ausbildung bei Nawisho, war die Frage: „Was ist für dich Friede? Finde heraus, was ist für dich Frieden.“ Das ist so individuell.

Finde heraus, was ist für dich Frieden…

Da erinnere ich mich an einen Satz von dir, den ich bei dir gelesen habe „Mit fünfundvierzig Jahre habe ich das Leben nun verstanden.“ Kannst du dich an diesen Satz erinnern?

Wir sind jetzt in der Lebensphase der Erkenntnis. Das ist die Zeit, in der wir über unser Leben reflektieren. Was habe ich bis dahin alles gemacht? Wobei für mich Naturmentoring und Friedenstiften viel damit zu tun hat, ob man sich diesem Prozess bewusst ist.

Wie wichtig ist es bei den Friedenstiften Projekten in den Klassen, auch Erwachsene und Pädagogen zu erreichen?

Aus der Friedenstiften-Geschichte habe ich eine Kinderversion gemacht. Diese hatte ich bei einem Projekt in einer Schule, jeden Tag in einer anderen Klasse erzählt. Die Lehrer hörten ebenfalls zu. Die Geschichte hat auch sie sehr berührt und war intensiv für sie. Es ist auch so in Österreich, wenn irgendwo die Friedenstiften-Geschichte erzählt wird, kommen hauptsächlich Erwachsene zu dem Anlass. Früher waren es die Geschichten am Lagerfeuer, die sehr viel in uns auslösten.

Mit den Methoden vom Naturmentoring verbindet Alexandra Haaji in ihren Projekten die Inhalten vom Friedensstiften. Dabei holt sie die Natur auch ins Haus.
Mit den Methoden vom Naturmentoring verbindet Alexandra Haaji in ihren Projekten die Inhalten vom Friedensstiften. Dabei holt sie die Natur auch ins Haus.

Welche Wirksamkeit spürst du bei deinen Naturmentoring Friedensgeschichten?

Das will ich an einem konkreten Beispiel erklären. Wenn ich mit einer Klasse zusammenarbeite, kommen wir für den Abschlusskreis zusammen. Manchmal können wir nicht draussen die Projekte durchführen, dann sitzen wir in der Turnhalle im Kreis. Wenn es draussen heftig regnet, sage ich „Wir haben gerade ein Dach über dem Kopf und werden nicht nass, darüber bin ich dankbar.“ „Und wir sind gesund! Wir haben es warm!“ Kopfnickend bestätigen die Kinder die Aussagen.

Ist das für dich das unsichtbare Lernen?

Ich nenne es das authentische und empathische Lernen, dass verinnerlicht wird.

Welche Naturmentoring Themen baust du in deine Projekte ein?

Ich hole auch die Natur ins Haus. Wenn die Möglichkeit nicht gegeben ist, in die Natur zu gehen, bringe ich Flexibilität auf. Für mich ist es wichtig, dass ich die Naturverbindung überall anwenden kann.

Als Friedensstifterin bestärke ich auch die Lehrkräfte

Kann man sagen, dass es dein Ziel ist, das Verborgene im Kind zu wecken?

Die Vision dahinter, ist im Sinne von resilienten Menschen, die mit ihrem Umfeld rundherum gut und gesund verbunden sind, dass die konstruktiv und friedvoll miteinander leben können. Dieses Jahr bin ich überwiegend in den Nachmittagsprogrammen in den Schulen unterwegs. Oft frage ich die Lehrkräfte, ob es Schwierigkeiten gibt. Dabei stellt sich in Gesprächen heraus, dass die Begleiterinnen die Schwierigkeit mit sich haben, weil sie massiv unter Leistungsdruck stehen. Als Friedensstifterin bestärke ich auch die Lehrkräfte.

Meinst du, dass die FriedenstiftenProjekte auch in Unternehmen und anderen Organisationen möglich sind?

Ja, auf jeden Fall. Das ist natürlich die Basis. Das wäre total schön, wenn es Mentor-Friedenstifter gäbe. Durch die Begleitung findet jeder seinen eigenen Stil, den er weitertragen kann.

Wie hilft die Erkenntnis, dass Friedenstiften gut für das Unternehmen ist, bei weiteren Inspirationen?

Das öffnet Türen und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei anderen. Jugendliche wollen auf ihrer Ebene gesehen werden. Ich erlebte einmal eine Gruppe Jugendlicher an einer Schule, die meiner Arbeit gegenüber sehr skeptisch waren. Daraufhin erzählte ich ihnen eine persönliche Geschichte, die ich erlebt hatte. Ich sass mit ihnen über 1 ½ Stunden zusammen, obwohl wir eigentlich nur eine halbe Stunde Zeit gehabt hätten. Es wurde über alles gesprochen. Sie haben sich geöffnet. Meine persönliche Geschichte war der Türöffner.

Meine persönliche Geschichte war der Türöffner…

In vielen Stämmen der Naturvölker sind es die Ältesten, die den jungen Menschen zur Potentialentfaltung helfen. Sie haben Lebenserfahrung und sehen, wo ihre Qualitäten sind. Meine Vision ist es, den Jugendlichen und den Ältesten wieder eine Stimme zu geben. Das ist so wichtig! Meiner Meinung sind die Jugendlichen der Spiegel unserer Zeit. Zum Schluss möchte ich noch an die Leser den Appell weitergeben „Lasst euch auf Gespräche mit Jugendlichen ein und schaut was sie für tolle Ansätze und Qualitäten in sich haben.“ Grossartig wäre, alle Generationen mit Naturpädagogik zu berühren. Denn jeder will wertvoll und wichtig sein! Dabei geht es nicht um Methoden, wie Strukturen erklärt werden, sondern die Erfahrung greifbar werden lassen.

Liebe Alexandra, vielen Dank für das intensive Gespräch!

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie © Alexandra Haaji

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