Zeit für Knospen

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Interview von Ulrike Matter für die Infothek Waldkinder

Zuhören, vertrauen, entschleunigen und den Staubsauger mal stehen lassen. Das rät die Naturheilpraktikerin Chrischta Ganz aus Wald den Eltern von heute. Sie unterstützt Familien mit Rat und Tat – und mit Hilfe der Naturheilkunde. Über einen Teil der Naturheilkunde, die Gemmotherapie, haben sie und Mitautor Louis Hutter ein Buch, speziell für Kinder, verfasst.

Infothek Waldkinder: Du bist Mitautorin des Buches „Grundlagen der TEN“, wo die Gemmotherapie für Erwachsene Thema ist. Warum jetzt noch ein eigenes Buch für Kinder?

Chrischta Ganz: Kinder und Knospen haben ganz viel gemeinsam. Beide sind sich so ähnlich, vom Aufbau her, von der Signatur und vom Wesen. In einer Knospe ist, wie bei einem Kind, alles drin an Potenzial. Bei einer Knospe ist auch erst einmal nicht klar, wie sie sich entfalten wird, wenn man sie so anschaut. Aber das Potenzial ist da, ganz dicht mit einer grossen Kraft drin, und die geht dann auf. Das ist die ganz grosse Verbindung zu den Kindern und das ist auch der Hauptgrund für dieses Buch. Der zweite Grund ist, dass wir gesehen haben, dass es eine so gute Therapie für Kinder ist. Der dritte Grund ist, dass die Kinder die Gemmomittel sehr gerne nehmen. Sie schmecken süsslich wegen des Glycerins.

Also ist die Gemmotherapie mehr eine Kindertherapie?

…es gibt spezielle Kinderthemen, die sich sehr gut mit der Gemmotherapie behandeln lassen

Grundsätzlich ist Gemmotherapie für alle Menschen geeignet. Wir haben aber gemerkt, dass es spezielle Kinderthemen gibt, die sich sehr gut mit der Gemmotherapie behandeln lassen. In dem Buch haben wir noch die seelischen Aspekte mit drin. Also – was mache ich, wenn ein Kind übermässig scheu ist oder übermässig aggressiv oder schlecht träumt oder gemobbt wird? Bei den Erwachsenen kann man das dann auch wieder brauchen.

Ihr gebt da ja viele Tipps, wie man diese Mazerate selber herstellen kann. Was sind denn die Vorteile eines selbst hergestellten Gemmomazerats?

Selber herstellen ist, besondern mit den Kindern, etwas wahnsinnig Schönes. Wenn Kinder von ihrem Lieblingsbaum ein Heilmittel herstellen, in dem Wissen, dass ihr Lieblingsbaum sie unterstützt, dann hat das etwas sehr Kraftvolles. Auch sehr viel kraftvoller, als wenn die Mutter in die Apotheke geht und etwas kauft.

Heilmittel mit dem Lieblingsbaum der Kinder selber machen
Heilmittel mit dem Lieblingsbaum der Kinder selber machen

Also echter?

Ja, echter und auch vom Ritual, vom Bezug her viel näher. Das ist wie mit selber gemachter Konfi. Die schmeckt auch viel besser als die Gekaufte. Ich empfehle das Selbermachen nicht nur für Kinder. Aber Kinder gehen besonders in so einem Ritual auf. Und sie lernen auch noch sehr viel drum herum. Achtsamkeit mit dem Baum, der auch ein Lebewesen ist. Dass sie sorgfältig sein müssen beim Sammeln und nur so viel nehmen dürfen, dass es dem Baum auch weiterhin gut geht.

Hat das Selbermachen irgendwelche Nachteile?

Ein Punkt ist, dass Mittel, die offiziell hergestellt werden immer auf ihren Wirkstoffgrad geprüft werden. Das kann man privat nicht so genau feststellen. Je nach Jahr ist der Wirkstoffgehalt in einer Pflanze höher oder geringer. Das hängt vom Klima ab und vom sonstigen Zustand des Baumes. Ein schwieriger Punkt ist auch, dass man den Baum kennen muss. Die Knospen muss man ja sammeln, kurz bevor sie aufgehen. In dem Moment haben die Bäume noch keine Blätter. Man hat anfangs schon das Gefühl, ja, ich weiss, das da ist die Buche, die kenne ich. Aber wenn alles kahl ist, ist es grad für Laien doch nicht mehr so einfach. Im Winter sieht so ein Baum ja doch ganz anders aus als im Sommer. Das ist die grösste Schwierigkeit.

…also kann es sein, dass man, wenn man nicht aufpasst, den falschen Baum erwischt?

Ich bin ein grosser Fan vom Selbermachen…

Im dümmsten Fall einen Giftigen. Darum sollte man nur Gemmomittel machen, wenn man ganz sicher ist, dass es der richtige Baum oder Strauch ist. Trotzdem – ich bin ein grosser Fan vom Selbermachen. Das gibt einen ganz anderen Bezug zu Nahrung und Heilmitteln. Nicht das Konsumding, dass man sich beim Husten in der Apotheke ein Hustenmittel holt und meint, dass man dann wieder gesund ist. Das ist nicht meine Haltung dem Leben, der Gesundheit oder der Natur gegenüber.

Dann stellst Du auch selber Heilmittel her?

Für mich selber schon, aber nicht für meine Patienten. Das darf ich rechtlich gesehen gar nicht.

Die Knospe einer Rosskastanie im Frühling
Die Knospe einer Rosskastanie im Frühling

Wegen der Gütesiegel und Lizenzen?

Genau. Ich müsste ein Herstellungslabor haben und eine Herstellungserlaubnis, so wie Drogerien oder Apotheken sie haben. Das ist ein Riesenaufwand. Wenn ich etwas herstelle, mache ich das bei mir in der Küche und das ist für Heilmittel nicht erlaubt.

Aber für den Privatgebrauch ist das ok?

Ja, ich sage auch den Leuten, die gerne draussen sind, dass sie selber sammeln sollen. Bei manchen Kindern spürt man das heraus, dass das für sie das Richtige ist. Das ist etwas sehr Schönes.

Kann man so etwas auch in einer Waldspielgruppe machen?

Kann man so etwas auch in einer Waldspielgruppe machen?

Ja, das geht, denn das ist dann in einem pädagogischen Rahmen. Dann kann man das als Spielerei deklarieren. Ich selber als Naturheilpraktikerin wäre mit einem Kurs für Heilmittel im rechtlichen Graubereich. Aber im pädagogischen Rahmen geht das gut.

Zur Person Chrischta Ganz...
Zur Person Chrischta Ganz…

Stichwort ADHS. Das ist für eine Familie ja eine grosse Belastung, auch weil die Schulen häufig Druck machen, das Kind mit Ritalin ruhig zu stellen. Wenn sich Eltern diesem Druck nun nicht beugen wollen, wie kann die Gemmotherapie helfen?

Da gibt es ein paar gute Gemmomittel, die auch im Buch zu finden sind. Wenn ich in meiner Praxis bin, arbeite ich aber nicht nur mit Gemmomitteln. Da ist zum Beispiel die Ernährung auch ganz wichtig. Sehr häufig fehlt den Kindern auch die Möglichkeit, sich auszutoben. Während meiner Ausbildung zur Drogistin hatte ich einen Chef, der war auch Naturheilpraktiker.

…Seine Therapie für ADHS Kinder war, sie ein halbes Jahr auf die Alp zu schicken. Mit Erfolg.

Seine Therapie für ADHS Kinder war, sie ein halbes Jahr auf die Alp zu schicken. Mit Erfolg. Einfach nur ein Heilmittel geben, das funktioniert nicht. Wenn man aber noch die Ernährung, die Bewegung und den Medienkonsum anschaut, dann hat man sehr gute Erfolge. Gerade fernsehen ist für ein ADHS Kind sehr schädlich. Aber man muss die Naturheilkunde und diesen Weg auch wollen. ADHS Kinder kann man gut ruhig stellen mit Ritalin.

Die Kinder sind dann aber wie die Zombies unterwegs…

Ja, ich würde das für mein Kind auch nicht wollen. Aber ich verurteile niemanden, der das so macht. Wenn ich zu der Naturthematik keinen Bezug habe, dazu noch alleinerziehende Mutter bin und hundert Prozent arbeiten gehe, dann ist es – meiner Meinung nach – nicht richtig, diese Leute fürs Ritalin zu verurteilen.

Die Autorin sagt für wen das Buch geeignet ist

Beziehst Du die Eltern bei der Gemmotherapie mit ein? So wie in der Homöopathie, wo die gesamte Familienstruktur durchleuchtet wird?

Die Gemmotherapie an und für sich geht nicht so weit. Im Buch haben wir aber auch ein Kapitel für die Eltern drin. Klar ist, dass, wenn es den Eltern gut geht, geht es auch den Kindern besser. Wenn ein Kind zu mir in die Praxis kommt, arbeite ich viel mit Gemmomitteln. Aber ich schaue auch, um was genau es geht.

Die Ernährung ist ein grosser Teil und der Medienkonsum.

Die Ernährung ist ein grosser Teil und der Medienkonsum. Da werden die Eltern immer mit einbezogen. Kleine Kinder kommen sowieso mit den Eltern. Die Kinder müssen ja auch jemanden haben, der schaut, dass die Heilmittel richtig genommen werden.

Im Teenageralter ist das etwas anders. Da arbeite ich viel ohne Eltern. Für Teenager ist es ganz wichtig ist, auch kommunizieren zu können, dass die Mutter nervt oder der Vater bieder ist.

Kinder lernen beim Sammeln von Knospen Achtsamkeit, dass sie nur soviel nehmen wie gebraucht wird. Hier in der Abbildung die Knospe einer Rosskastanie.
Kinder lernen beim Sammeln von Knospen Achtsamkeit, dass sie nur soviel nehmen wie gebraucht wird. Hier in der Abbildung die Knospe einer Rosskastanie.

Medienkonsum und Fastfood sind Fakt bei den Kindern. Da kann man nur versuchen, das in gewissen Bahnen zu lenken. Hilfst Du dann den Kindern und Eltern, das ganz genau anzuschauen?

Ja. Da redet man in der Naturheilkunde vom Thema Lebensordnung. Das macht man auch bei den Erwachsenen. Wie ist der Rhythmus von Arbeit und Pause, wie der vom Essen und Schlafen. Wenn jemand jeden Tag drei Stunden Fernsehen schaut, kann das nicht gesund sein.

Viele Eltern heute sind müde und überfordert.

Die Erfahrungen habe ich schon gemacht: Schauen die Leute weniger Fernsehen, geht es ihnen grad besser. Sie schlafen besser, sind fröhlicher. Bei den Kindern ist es noch extremer. Viele Eltern heute sind müde und überfordert. Dann geben sie den Kindern ein Tablet und haben eine Stunde Ruhe. Da muss man den Eltern vermitteln, dass das den Kindern nicht guttut.

Und dann helfen, dass die Kinder wieder in Kontakt zu sich selber kommen?

Ja, das gehört auch dazu. Was ich aber fast noch wichtiger finde, ist, dass Kinder sich auch einmal langweilen können. Wenn sie keine elektronischen Medien benutzen dürfen, ist ihnen ja erst einmal zehn Minuten lang sterbenslangweilig. Und nachher werden sie kreativ.

Kinder sollen sich auch langweilen…

Den Moment auszuhalten, das ist dann halt nicht so toll. Aber wenn Eltern und Kinder das durchgestanden haben, kommen die Ideen.

Wie testet man nun die im Buch beschriebenen vier Temperamente aus? Woher weiss ich, wer ein Sanguiniker, wer ein Melancholiker, wer ein Phlegmatiker und wer ein Choleriker ist?

Da gibt es verschiedene Methoden. Wenn man aber geübt ist, sieht man das einem Menschen an. Und wenn man ein bisschen redet, merkt man schnell, ob jemand eher schnell aufbraust oder eher melancholisch ist. Dann gibt es spezifische Fragen. Zum Beispiel, wie man sich erholt, wenn man müde ist. Die, die sich gerne Kuchen backen zum Entspannen oder auf die Couch sitzen, das sind dann die Phlegmatiker. Die, die joggen, um Dampf abzulassen, das sind die Choleriker.

Wir alle haben die vier Temperamente in uns…

Der Sanguiniker würde sagen, dass er einen Freund anruft und wenn der nicht da ist, dann macht er etwas anderes. Und der Melancholiker schaut dann den Sonnenuntergang an. Die Reinformen gibt es aber eh nicht. Wir alle haben die vier Temperamente in uns. Je nach Charakter ist dann eines im Vordergrund. Das merkt man bei den Kindern sehr gut. Es gibt da die Anführer-Kinder und die Kinder, die immer mitlaufen. Es gibt die Kinder, die als erstes beim Mittagessen sind. Das sind die Phlegmatiker. Der Melancholiker schafft lieber Ordnung als zu spielen. Und der Sanguiniker würde gerne noch weiterspielen.

Gibt es da auch Veränderungen im Laufe des Lebens?

Ja sicher. Wenn ich eine Mutter- oder eine Vaterrolle habe, dann muss ich phlegmatische Teile haben. Ich muss ja schauen, dass die Kinder zu essen haben und so weiter. Wenn ich diese Teile nicht habe, muss ich sie entwickeln. Als selbstständige Naturheilpraktikerin brauche ich einen cholerischen Anteil.

Der Choleriker ist der Macher. Wäre ich nur melancholisch, könnte ich das gar nicht durchziehen.

Der Choleriker ist der Macher. Wäre ich nur melancholisch, könnte ich das gar nicht durchziehen. Dem Phlegmatiker wär es zu anstrengend und der Sanguiniker hätte es wieder vergessen. Es geht aber nie darum, jemanden in eine Schublade zu stecken. Es geht darum, herauszufinden, was man braucht, um sich in seinem Körper und seiner Seele wohl zu fühlen. Und es hilft natürlich, sich selber besser kennen zu lernen.

Buchenknospen im Frühling beim Austreiben
Buchenknospen im Frühling beim Austreiben

Ab wann schickst du die Eltern mit ihren Kindern zum Schulmediziner?

Grundsätzlich, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Kompetenzen überschritten werden. Das kann sein, wenn eine Erkrankung zu schwerwiegend ist oder zu akut. Also, wenn jemand mit einem offenen Beinbruch zu mir kommt, schicke ich ihn sofort zum Arzt. Oder wenn Tests gemacht werden müssen, die ich nicht machen kann. Blutwerte bestimmen, zum Beispiel. In Akutfällen, wenn jemand ganz schlimmes Asthma hat und ein Atemstillstand droht. Die Mehrheit der Kinder in meiner Praxis ist aber schon austherapiert, da ist klar, dass die Schulmedizin nicht mehr hilft.

Aber wenn man einfach eine Pille nehmen möchte, dann ist man falsch in der Naturheilkunde. Da geht es tiefer an die Ursachen heran.

Die Austherapierten sind dann die mit den chronischen Erkrankungen?

Ja. Wir haben viele, die dann wieder gesund werden. Aber wenn man einfach eine Pille nehmen möchte, dann ist man falsch in der Naturheilkunde. Da geht es tiefer an die Ursachen heran. Viele Eltern wollen heute auch nicht mehr diese schulmedizinischen Behandlungen für ihre Kinder, weil ihnen bewusst ist, dass die dem Kind schaden können. Die wollen nicht gerade Cortison geben wegen Neurodermitis oder so. Aber wir arbeiten auch mit der Schulmedizin zusammen. Gerade jüngere Ärzte sind dem gegenüber sehr aufgeschlossen.

Was ist Gemmotherapie?
Was ist Gemmotherapie?

Wenn Du den Eltern von heute noch ein paar Sätze für ihre Kinder mitgeben könntest…

…dann würde ich etwas sagen, was auch im Buch steht: Es sind uns ein paar Sachen aus dem Paradies geblieben. Blumen, Sterne und Kinder. Ich erlebe viel, dass Kinder heute für ihre Eltern das Grösste sind, gleichzeitig haben diese aber keine Zeit mehr für ihre Kinder. Aber dass es Kinder überhaupt gibt, das ist so eine Freude. Das versuche ich immer, den gestressten Eltern zu vermitteln.

Verbringt Zeit mit euren Kindern, bevor sie gross sind! Kinder sind darauf angewiesen, dass wir Zeit haben, dass wir sie ernst nehmen und ihnen vertrauen.

Natürlich haben die es streng, natürlich haben die drei Nächte oder sogar drei Wochen nicht geschlafen, weil das Kind krank war und nicht geschlafen hat. Aber eigentlich ist es ja so ein Geschenk, dass das Kind da ist. Der nächste Punkt ist, gerade für Eltern, deren Kinder schon grösser sind: Verbringt Zeit mit euren Kindern, bevor sie gross sind! Die sind nicht immer und ewig klein. Kinder sind darauf angewiesen, dass wir Zeit haben, dass wir sie ernst nehmen und ihnen vertrauen. Es ist so etwas Schönes, mit Kindern zusammen zu sein. Also – verpasst es nicht! Es ist wichtiger, Zeit mit den Kindern zu verbringen, als staubzusaugen.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie und Film © Feuervogel/ Infothek Waldkinder

Das digitale Fachblatt ist in seinem 9. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder - Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik
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