Herzzentrierte Verrücktheit und Humor beleuchten die Naturpädagogik neu

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Gerald Ehegartner ist mit seinem Buch «Kopfsprung ins Herz» ein profundes, amüsantes Plädoyer für eine grüne Pädagogik gelungen. Ein Buch bei dem du dich fragst: Stellst du es nun zu den Romanen, zur Bildungsliteratur oder in das Fach Naturwissen? Es umfasst alle drei Genres und bringt eine erfrischende Abwechslung in die Regale und in den Ideenrucksack für Wald-, Wildnis- und Naturpädagogen. Jung- und Althasen sowie Lehrer werden angesprochen, denn es ist nie zu spät für den eigenen Herzensweg.

Gerald Ehegartner “Kopfsprung ins Herz” Als Old Man Coyote das Schulsystem sprengte              
Gerald Ehegartner “Kopfsprung ins Herz” Als Old Man Coyote das Schulsystem sprengte  

Dein Buch wird von dem bekannten Neurobiologen Gerald Hüther mit den Worten empfohlen: «Es ist nie zu spät, um aufzuwachen und sein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Mit dieser Ermutigung werden Sie sich auf den Weg machen, nachdem Sie dieses Buch gelesen haben.» Wie kam es dazu?

Ich hatte schon Kontakt zu ihm, weil ich zusammen mit einer Kollegin 2012, das erste naturpädagogische Wahlpflichtfach hier in Österreich – „Abenteuer Natur“ – ins Leben gerufen habe. Es ist für die Sekundarstufe für 10-14-jährige Kinder. Das war super erfolgreich! Gerald Hüther hatte zu dem Zeitpunkt sein Buch veröffentlicht «Wie Kinder heute wachsen» und suchte nach einem Praxisweg, woraufhin er unter anderem unser Projekt in sein Buch aufnahm. So habe ich ihn bereits damals kennengelernt. Das Manuskript habe ich ihm zugeschickt. Das Buch hat ihn offensichtlich überzeugt, woraufhin er mir ein Statement geschrieben hat, was mich sehr freut. Peter Schipek, ein wunderbarer Mensch, der sehr viel bewegt, war da auch immer gleich sehr hilfreich.“

Dein Lebenslauf liest sich nach Herzblut Lehrer mit einem grossen Rucksack an Erfahrung. Mit deinem Buch trägst du deine Philosophie nach aussen und dennoch sind die Mehrheit der Schulen auf einem anderen Pfad unterwegs. Wie fühlt sich das für dich an?

Eine grosse Motivation für das Buch hat genau mit diesem Widerspruch zu tun. Ich habe das Gefühl, mit dem Inhalt jene Menschen stärken zu können, die einen anderen Weg gehen wollen. Gerade auch junge Menschen, die mit neuen Ideen und Visionen in die Schulwelt eintreten. Ich denke, dass es auch ein Mutmachbuch ist.

Ich denke, dass es auch ein Mutmachbuch ist…

Noah, die Hauptperson in meinem Buch, wird aus verschiedenen Gründen ausgebremst. In ihm brannte Feuer und er kam mit viel Begeisterung als Lehrer in die Schule. Mit seinen jungen Freunden schliesst er sich zusammen, begleitet von seinem Mentor „Coyote“. Die Geschichte soll eine Ermutigung für die Menschen sein, die genau bei diesen Problemen anstehen. Mir persönlich geht es nicht gut, wenn ich höre, dass Kinder immer wieder an Schulen leiden. In meinem Werdegang als Lehrer habe ich verschiedene Kollegen kennengelernt. Das größte Problem, meiner Meinung nach, ist, wenn Kinder an Schulen beschämt werden. Das Schlimmste, was Kindern passieren kann, ist Beschämung und Entwürdigung. Zum Glück aber erlebe ich viele KollegInnen, die sehr wertschätzend sind. Und man muss sich selbst immer wieder an der Nase nehmen – auch unbewusst passieren Verletzungen. „Eine riesige Gefahr sehe ich auch in der „Ökonomisierung der Bildung“, die seit einiger Zeit Einzug gehalten hat an Schulen. Da wird plötzlich die OECD zum Bildungsexperten – und ein Wirtschaftsbegriff aus den 50-er-Jahren, der Betriebsabläufe definieren sollte, zum Modewort – nämlich Kompetenz. Wir müssen ganz intensiv aufpassen, dass wir nicht für eine lineare Produktionsmaschine auch geistige Ressourcen ausbeuten – die am Ende immer besser verarbeitet, vermessen, verpackt und verkauft werden. PISA und Co. halte ich für eine falschen Weg. In Wahrheit brauchen wir für diesen Planeten etwas völlig anderes, am Leben Orientiertes.“ 

Rezension zum Buch - geschrieben von Anita Frischknecht
Rezension zum Buch – geschrieben von Anita Frischknecht

Was meinst du, worauf der Fokus in Schulen gerichtet werden soll?

Für mich noch zentraler als Lernformen an der Schule, ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Denn, hast du eine herzliche Lehrkraft, die jetzt noch Frontalunterricht macht, ist das nicht so dramatisch, als die Person selbst, die entwürdigend gegenüber Schülern ist. Es fängt meiner Meinung, bei der Person an, die im Klassen- oder Naturraum mit Schülern anwesend ist.

Das Schlimmste, was Kindern passieren kann, ist Beschämung und Entwürdigung…

Hier ist der grösste Hebel, denke ich, wo angesetzt werde sollte. Aus Studien weiss man, dass es die Beziehung zu den Kindern ist, die wirkt. Eine grosse Wirkung hat auch der Glaube des Lehrers an das jeweilige Kind. Ich würde ausserdem – so wie es Coyote im Buch vorschlägt – zuerst Mal eine „Lachprobe“ bei angehenden Lehrern nehmen. Humor ist eine wesentliche Kleidung als Lehrer.

Was rätst du Erwachsenen und Kindern, die das Gefühl haben, ihnen sind die Hände gebunden und sie werden nicht dort abgeholt wo sie gerade stehen?

Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Mich hat die Schule auch inhaltlich nicht dort abgeholt, wo ich tatsächlich war. Ich kam selbst an einen Punkt, wo ich mich fragte, ob ich die Schule abbrechen soll, obwohl ich ursprünglich ein guter Schüler war. Hätte ich die Matura jedoch nicht abgeschlossen, hätte ich nicht die Eintrittskarte für gewisse Richtungen erhalten, die ich heute verfolge.

Mein konkreter Rat ist, sich in einem gesunden Verhältnis den Freiraum zu nehmen, für Dinge, die einem wirklich sehr wichtig sind…

Mein konkreter Rat ist, sich in einem gesunden Verhältnis den Freiraum zu nehmen, für Dinge, die einem wirklich sehr wichtig sind. Mit einem Bein stehen wir fast alle in dem System und mit dem anderen Bein, haben wir die Möglichkeit legitim zu hinterfragen, was das System macht und andere Wege zu gehen. Ich habe einen guten Bekannten, der sich konsequent 1 Stunde am Tag Zeit nimmt für Dinge, die ihm wirklich Spass machen. Wenn du eine Idee hast, wohin dein Leben laufen soll, dann kannst du natürlich auch leichter etwas aushalten, wovon du eingeengt wirst. Weil du weisst, wohin es geht. Dies kann konzentrierter und schneller, weicher aufgefangen werden.

Ein Zitat aus dem Buch “Kopfsprung mit Herz”
Ein Zitat aus dem Buch “Kopfsprung mit Herz”

In einem Artikel über dich habe ich die Bezeichnung «Der Kojote unten den Lehrern» gelesen. Du hast die Wildnisschule der „Kojote Akademie“ in Deutschland und bei Hans Müllegger in Österreich besucht. Was war der Grund, diese Ausbildung zu machen?

Es fällt mir leichter, das zu erklären, wenn ich noch einen Schritt zurückgehe. Ich habe davor den Visionsleiter 2010 in den USA gemacht. Damals bin ich auch über den Kojoten gestolpert. Ich wollte noch zusätzlich die Wildnisausbildung absolvieren, denn der Zugang zu den Basics und die Verbindung zum Überleben in der Natur haben etwas Archaisches, was mich sehr berührte. Mentoren, wie z.B. Ralf Greiner, den ich bei Hans Müllegger kennen lernte, haben einen achtsamen und geerdeten Zugang zur Natur, den ich sehr schätze. Das war für mich der Grund, bei ihm die Wildnispädagogen-Ausbildung zu machen.

Gibt es eine Person, der du begegnet bist, die dich für die Charakterfigur „Old man Coyote“ in deinem Buch inspiriert hat?

«Old man Coyote» ist natürlich zuallererst ein indianischer Archteyp – der legendäre Trickster und heilige Narr.  Es gibt keine Person, die für Old Man Coyote Modell gestanden wäre. Ich spürte die Figur und schrieb los. Es fliessen selten aber doch Ansichten, Charaktere von Menschen ein, die diese Qualitäten leben. Durchaus auch Menschen, denen ich in den USA begegnet bin. Eine Person, lebt diese Verrücktheiten, in einer ganz besonderen Art und Weise.

Ich spürte die Figur und schrieb los…

Die Bekanntschaft mit der Kojoten-Energie – ich nenn´s mal so- war damals sehr profund. Ich hatte da einige zuhöchst erstaunliche Erlebnisse mit dieser Kojotenenergie. Meine damaligen spirituellen Lehrerinnen machten mich darauf aufmerksam – es war alles so offensichtlich. Dann fand sich vor meinen Füssen auch noch ein komplettes Kojotenskelett – dass eines jungen Kojoten. Die Figur des Kojoten nahm damals für mich durch das Erleben Gestalt an. Es ist nicht etwas, was ich einfach gelesen habe – und nun mit Fantasie auffülle. Es hat tief in mir etwas verändert, damit gingen dann ungewohnte Türen auf – bis zu Gerald Hüther.

Ein Zitat, das aus der Feder von Gerald Ehegartner stammt
Ein Zitat, das aus der Feder von Gerald Ehegartner stammt

Bei der vielen Fachliteratur, die es zur Natur und Pädagogik gibt, bringt dein Buch Abwechslung in die Regale. Wie siehst du das?

Das war mein Wunsch einmal etwas anderes zu machen. Es gibt viele Anleitungsbücher, die ich auch selbst besitze. Es ist mein Anliegen gewesen, einen neuen Umgang mit der Thematik zu beleuchten. Mir war es wichtig mit Humor zu arbeiten.

Mir war es wichtig mit Humor zu arbeiten…

Denn die Bildung an sich, ist schon so ernst. Es besteht einfach die Gefahr, dass auch die Naturpädagogik zu ernst wird. Das interessiert die Menschen nicht und wir erreichen sie nicht mehr. Pädagogische, politische und spirituelle Korrektheit können zu ausgelegten Fallen werden, die den Humor töten.

Dieser Impuls wird den Lesern gefallen. Wie geht es in Zukunft bei dir weiter? Dein Buch kommt bislang sehr gut an. Was hast du für Pläne?

Seit der Veröffentlichung des Buches schwimme ich gerade auf dieser positiven Welle mit, die es auslöst. Ausserdem bin ich der Einladung gefolgt und werde ab November im Team Österreich an der Potentialentfaltungs-Akademie aktiv mitwirken. Als Lehrer arbeite ich auch weiterhin, möchte mir jedoch ein zweites Standbein, neben der Schule, mit Naturprojekten aufbauen. Ein Herzensprojekt wird die Visionssuche sein. Es ist der Raum in der Natur, der so viel bewegen kann und wo die suchende Seele tiefe Antworten erhält.

Was möchtest du abschliessend mit den Worten des «Old man Coyote» sagen?

Vertraue und werde etwas verrückter. Es geht primär um das Leben. Strukturen sind sekundär. Also spring ins Herz. Auf die herzenszentrierte Verrücktheit!

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Interview, Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie © Nadja Hillgruber

Das digitale Fachblatt ist in seinem 8. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder – Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik

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