Jeder Korb ein Einzelstück

Im Spätsommer: Es duftet nach wilder Minze, würziger Schafgarbe und getrocknetem Gras und in einer kleinen Oase in der Natur wird der Graskorb selber hergestellt

Pflanzen vermögen uns in vielfältiger Weise berühren. Sei es durch ihre zarte, anmutige Schönheit, durch ihre pure Lebenskraft und Wehrhaftigkeit oder einfach nur durch ihr geduldig, schlichtes Sein im Kreislauf der Jahreszeiten.

Ein leichter Wind streicht über die Wiesen. Welche Symphonie in Gelb, Rosa, Blau und Tiefrot. Ein Duft nach Honig liegt in der Luft und die Sonne wärmt bis tief in die Seele hinein. Dein Blick fällt auf die zarten Grashalme, die sich so zahlreich, jedoch unscheinbar im Hintergrund halten. Wie filigran umspielen sie die Blüten, als seien sie bestimmt dazu, das Bild in perfekter Schönheit zu beenden, ohne Aufhebens zu machen, um ihre eigene Erscheinung. Diese Halme mit den grünen, schmalen Blättern und unauffälligen Blüten, deren Pracht erst beim genauen Hinschauen sichtbar wird, sind mangels Locksignalen für Insekten unattraktiv. Für Naturhandwerker:innen werden Gräser attraktiv, durch erlebte vertiefte Naturerfahrung, in dem sie den eigenen Graskorb, nach einem alten Handwerk, selber herstellen.

Das Wunder eines Korbs liegt in seiner Verwandlung, seiner Reise von der Ganzheit als lebende Pflanze über die Verarbeitung Reihe um Reihe und wieder zurück zur Ganzheit als Korb. Nach einem Sprichwort: Die Hände sind es, die das Glück schaffen und den Kummer vertreiben, ist es pure die Freude und das Gefühl, ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit zurück erobert zu haben. Freiheit und Unabhängigkeit in dem Sinne, dass man fast alles in der Natur findet, was man benötigt um einen Korb selbst herzustellen.

Süssgräser wiegen sich im Wind

Spätestens als der erste Mensch einen Faustkeil in die Hand nahm, um einen anderen Stein damit zu bearbeiten, waren die Grundlagen für das Handwerk gelegt. Es entstand eine unermessliche Vielfalt an Flecht-, Webflecht- und Wickelmethoden, um Körbe aus Naturmaterialen herzustellen. Zur Zeit der Sammler und Jäger wurden einfache, nützliche Behälter geflochten. Das besondere Naturhandwerk gilt es nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuführen. Die Geflechte stellen eine wunderbare Verbindung zur Natur her. Die Verbindung von Traditionen und Bewährtem mit Neuem und Künstlerischen gibt dem Naturhandwerk etwas Besonderes. Bei dieser Methode nimmt man der Natur nur das, was man effektiv für den Korb benötigt und stellt damit etwas ökologisch und Nachhaltiges her.

Gesammelte Süss- und Sauergräser für die Verarbeitung eines Graskorbes

Seit 2018 bietet Nadja Hillgruber bei der Genossenschaft Feuervogel für Naturpädagogik regelmässig Kurse an, bei denen das alte Naturhandwerk erlernt werden kann. Dabei kommt man neben dem Nähen von Graskörben ganz selbstverständlich auch in einen sinnlichen Bezug zu den Gräsern und Pflanzen, mit denen man arbeitet. «Gräser sind wunderschöne Pflanzen, doch, werden sie meist übersehen, weil sie blütenlos und nur so schlicht sind », hat die Naturpädagogin erfahren. Ihre Kurse finden immer in freier Natur statt. Es wird dabei auch mit Gras und Heu über dem offenen gekocht, und zwar vom Samen bis zum Halm, man erzählt sich Geschichten und viel Zeit vergeht mit dem Flechten des eigenen Korbes. Einen Tag muss man schon rechnen, bis ein etwa genähter Korb mit handtellergrossem Boden als Durchmesser fertig ist. Doch verliere man dabei sowieso jegliches Zeitgefühl, komme in eine Art von `Flow` und die Freude ist gross, wenn man dann plötzlich den fertigen Korb in den Händen halte. «Was für eine Augenweide, wenn man dann Nüsse, Kräuter, Kastanien, Beeren usw. im selber hergestellten Korb vor sich hat…», sagt Nadja Hillgruber weiter.

Die Kursteilnehmerinnen bei dem uralten Handwerk des Graskorb nähen

Mit dieser Verbindung aus Handwerk und Naturverbindung entwickelt man ein ganz anderes Auge für Gräser. „Überall sehe ich Gräser, die ich vorher nicht richtig wahrgenommen habe. Eine Schere zum Sammeln habe ich inzwischen immer dabei», sagt Nadja Hillgruber. Wichtig der Hinweis, dass nicht in Naturschutzgebieten Gräser gesammelt werden dürfen.

Was erwartet dich an dem Kurs?

Vor dem Kurs… Einen Korb zu erschaffen fängt erst mit der ehrenhaften Ernte des Grases an. Das Gras wird vorsichtig geerntet und mehrere Wochen getrocknet. Wenn wir eine Pflanze respektvoll nutzen, bleibt sie bei uns und gedeiht. Viele native americans verehren das Süssgras als Haar der Mutter Erde.

Das passiert am Kurs… Mit der Muskelkraft, viel Gefühl und gleichmässigen Bewegungen, werden die Hände das uralte Handwerk erlernen und den eigenen Korb erschaffen. Halm für Halm und Büschel für Büschel, verwandelt man die Schönheit der Natur in einen Korb. Wenn die Hände beschäftigt sind, bewegen sich die Gedanken oft leichter und man atmet währenddessen den Duft der Ernte ein. Gras, als Geschenk der Erde, dankbar annehmen, ist der Kern und ein in Vergessenheit geratenes altes Wissen, um das Handwerk nicht verschwinden zu lassen.

Das geschieht nach dem Kurs… Ein leichter Wind streicht über die Wiesen. Man riecht sie, bevor man sie sieht. Das Gras mit neuen Augen betrachtet, deren Pracht erst beim genauen Hinschauen sichtbar wird.

Für die einen ist es ein genähter Korb aus Gras, für die anderen ist es ein neuer Zugang über das Gras in eine Verbindung mit der Erde zu treten. Mary Ritchie sagte einmal: „Süssgras ist das Haar unserer Mutter; einzeln ist jede Strähne nicht so stark wie die Strähnen, die zusammengeflochten werden.“ Jeder wunderschön genähte Graskorb ist einzigartig.

Verbundenheit zu deinem Ort

Viktoria Zimmer hatte für ihre Bachelorarbeit recherchiert und dabei herausgefunden, welche Beziehung es zur Landschaft auslöst, wenn man mit dem Material Gras arbeite. Die Bedeutung, wenn man das Material selbst sammle, statt gekauftes Material zu verarbeiten, verbindet man sich zu dem Korb und der Landschaft noch viel intensiver. Es sind erfüllende Momente während des gesamten Prozesses. Vom Ausschau halten nach geeignetem Gras, dem Gras schneiden, trocknen und verarbeiten. Und der Duft vom genähten Korb, wenn er als Brotkorb auf dem Tisch steht. Damit haben auch die textilen Wurzeln von Nadja Hillgruber vom Weben, Wirken, Knüpfen, Flechten und Vernähen wieder die Verbindung über das Gras zusammengefunden.

Weiterbildungstipp

Jeder Korb ein Einzelstück, Erlerne das uraltes Handwerk des Graskorb nähens

Sonntag 11. September von 10 bis 16 Uhr in Kreuzlingen am Bodensee

Rückmeldungen der Teilnehmerinnen aus dem Kurs

*Demut für all die schönen Körbe, die an dem heutigen Tag enstanden sind. Ich habe es sehr schön gefunden, in dieser Frauenrunde sein zu können und mich auf das Naturhandwerk einzulassen.*

*Ich habe es sehr genossen, zur Ruhe zu kommen, am Anfang noch der Stress, mit den ersten Schritten, habe ich auch gemerkt, es muss nicht perfekt sein. Es ist einfach so schön, hier zu sein. Danke! *

*Das Gefühl, das Frauenrunden so früher stattgefunden haben, wenn alle in ihrem Flow sind, ist es nährend ohne, dass man etwas sagen muss. Jede in ihrer Einzigartigkeit hat gewerkelt und hat nun seinen eigenen Korb. Es war nährend und entspannend. *

*Es war total schön, mal wieder sich auf eine Sache zu fokussieren und dabei zu bleiben. Toll, wie der Flow entstand, sobald man in der Arbeit vertieft war, wo ich währenddessen entspannen konnte. Vielen Dank! *

*Für mich sind es auch vollem die Düfte und Geräusche, die Vögel die zwitscherten und das Riechen des Grases, während dem ruhigen vertieften Arbeiten.*

*Ich habe gemerkt, während so an meinem Korb dran bin, dass meine Muskeln richtig gearbeitet haben und ich es auch gespürt habe und zwischendurch Lockerungsübungen machen sollte, wenn ich für längere Zeit dran bin. *

*Ich fand es toll, das Naturhandwerk zu lernen. Es war so schön, so zusammen zu sein. *

*Ich habe es genossen zu lernen an einem Objekt dabei zu bleiben. Die Gemütlichkeit der Runde, zusammensitzen, Handwerk zu arbeiten und zu lernen. Es sind sehr schöne Graskörbe entstanden. Vielen Dank für all die ganze Vorbereitung. *

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” bietet konkrete Themen nach den Grundlagen der Naturpädagogik und erdgerechte Zukunftsideen.

Ob als Waldspielgruppenleiterin, Waldkindergärtnerin, Lehrperson, Pädagogen und Erwachsenenbildner oder Draussen Familien, alle finden nahrhaftes Wissen bei uns.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber

Bildnachweis: © Genossenschaft Feuervogel für Naturpädagogik

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” ist in seinem 13. Erscheinungsjahr unter dem Dach der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik in der Schweiz

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