Wie Hände zu einer Sprache der Vergangenheit werden

In ihrer Werkstatt im Eyjafjörður auf Island ist Lene Zachariassen zu Hause. Dort lebt sie mit den Jahreszeiten und der Natur, Zeit ist Nebensache. Zeit ist viel eher ein Rhythmus, den ihr der Rohstoff vorgibt, mit dem Lene ihre Tage verbringt: Die gebürtige Norwegerin ist nämlich Gerberin, die einzige vollberufliche Gerberin.

Vor etwa 35 Jahren war sie als junge Studentin gekommen, um im Rahmen eines Projektes im Svafarðardalur Bäume zu pflanzen. Wie das Leben so spielt, lernte sie einen Mann kennen, und blieb, für lange Jahre als Milchbäuerin im Skíðadalur. Einsamkeit, mangelnde Sprachkenntnis und lange Winterabende brachten sie dazu, sich mit den alten Handwerkstraditionen der Isländer auseinander zu setzen. Spinnen, Weben, die Verarbeitung von Pferdehaar in Flechtarbeiten – und das Nutzen der Häute nach dem herbstlichen Schlachten.

Aufgewachsen ist sie in Afrika, als Tochter eines Entwicklungshelfers. Im Einklang mit der Natur liebt sie das Wilde und alle natürlichen Dinge auf unserem wunderbaren Planeten inspieren sie und regen Lenes Phantasie an. Sie fertigt bunte Lampions aus Fischhaut, spinnt Hundehaar, baut Trommeln, dreht Lederbänder aus gefärbter Kuhhaut. Das Gerbehandwerk hat sie von der Pike auf gelernt. Jedes dieser Felle verlangt Respekt und äusserste Hingabe und alles wird bei ihr von Hand gemacht.

Ihre pulsierende Kreativität und beindruckendes Wirken löst wahre Begeisterung und Faszination in uns aus, als wir die Kurzdokumentation von arteTV gesehen haben und wir sind zutiefst berührt über ihre Gedanken, die sie mit uns teilt.

Die Kölner Filmemacherin Stefanie Gartmann erzählt in poetischen Bildern vom Lebensentwurf einer Gerberin in Island. Ihr gelingt ein Film, der mehr ist als ein Porträt, ein Film der anregt, über unser eigenes, entfremdetes, beschleunigtes Leben nachzudenken. – Einer der fünf besten deutschen Beiträge des Kurzdokumentarfilmwettbewerbs. Ausgetrahlt in arte TV.

Zur Weiterleitung des 12 min Films klick auf das Foto

Interview with Lene Zachariassen

Auf Island kennen sich die Menschen, so sind wir Hulda Brynjólfsdóttir von Uppspuni / Icelandyarn – MiniMill dankbar, selbst stellt sie auf Island Schafswolle von ihren eigenen Schafen her, dass sie uns mit Lene befreundet hat. Für uns ist es ein grosses Geschenk, der Reinheit aus Erfahrung und Weisheit von Lene Zachariassen in unserem nachfolgenden Interview zu begegnen.

Auf dem Titelblatt des diesjährigen Kursprogramm der Genossenschaft Feuervogel für Naturpädagogik ist das Gebet eines Schamanen abgebildet. In unserem Interview mit Lene Zachariassen möchten wir hinterfragen, welche Wirkung das Gebet bei ihr auslöst.

Unser Atem verbindet uns auf innige Weise mit unserem Umfeld – mit dem Atem der Erde. Nicht nur wir Menschen, auch Pflanzen, Tiere und Bäume atmen. Der Atem verbindet wie ein unsichtbares Lebenssnetz das Leben auf dieser Erde . Wir leben in einer Welt des miteinander geteilten Atems. Wo, an welchem Ort nimmst du deinen Atem in Verbindung mit dem unsichtbaren Lebensnetz am intensivsten wahr?

Lene Zachariassen: Ich habe das Gefühl, die Luft ist wie eine andere Dimension, die wir manchmal nicht sehen wollen. Alles existiert in der Luft und das Leben ist mit jedem einzelnen Atemzug mit jedem und alles, was auf Land auf unserem Planeten lebt, verbunden. Ich spüre die Leichtigkeit und die Schwere der Luft, die ich ein- und ausatme, und sie vermittelt mir je nach Gewicht und Temperatur unterschiedliche Erfahrungen. Auch die Farben wirken sich auf meinen Geist und meine Seele aus. Es ist die Farbe des Atems, die meinen Augen eine Art Fokus geben, auf das was sie sehen und es an meinen Geist und mein Herz weitergeben. Manchmal spüre ich auch Traurigkeit und Schmerz, ebenso wie Glück und Gelassenheit. In dem Moment zu sein, was gerade ist und zu verstehen, dass alles ein Teil von mir ist, heisst es loszulassen oder das Gefühl nahe am Herzen zu sammeln, um zu sein, wer ich bin, ohne wegzulaufen.  

Das wiederum gibt mir das Gefühl, im Moment der Zeitlosigkeit zu sein und dem Bewusstsein nahe zu sein. Zurück in der Zeit, in der Nähe des Wissens, einem Wissen zu begegnen, das schon vor mir da war. Einen Berg zu sehen, der schon seit Tausenden von Jahren da ist, einer Pflanze zu begegnen, die immer wieder kommt, einen Vogel zu sehen, der jedes Jahr aus Afrika an denselben Ort kommt. Das ist der Augenblick in dem mein Verstand anfängt zu spielen. Denn ich bin in Westafrika aufgewachsen und kann mich an den Gesang dieses Vogels am Strand erinnern, und der Vogel ist hier, und das Kind in mir lächelt und mein Herz und meine Seele füllen sich mit guter und positiver Energie.

Am Strand, wo sich die beiden Welten treffen, spüre ich die stärkste Verbindung des Atems des unsichtbaren Lebensnetzes. Das Meer hat oft den gleichen Rhythmus wie mein Atem und es ist nur eine dünne Schicht, die die beiden verschiedenen Welten voneinander trennt. Der Moment der niedrigsten Flut, wenn ich auf den Steinen am Strand spazieren gehe, die nur zweimal im Jahr trocken sind. Höre, wie die Flut mit kleinen spitzen Wellen zurückkommt, mit meinen Augen, Ohren und meinem Geist spielen, und mir das Gefühl geben, das größte Geschenk unserer Erde zu erleben. Die größte Energie von allen und den großen Atem der Erde, hier kommt wieder meine Kindheit ins Spiel und meine Vision vom Leben unter Wasser mit den Fischen und der Schönheit der Bewegungen der Meeresbewohner.

Heute schnorchle ich und versuche zu tauchen, und ich liebe diese Membran zwischen den zwei Welten, in der alles schwebt. Es ist die Schwerelosigkeit und die Bewegungen des riesigen Meeres, die kleinen und die großen Kreaturen, all das Leben, an das wir nicht so viel denken, weil es für uns verborgen ist. Ich machte einen Spaziergang am Strand, als eine Robbe aus der Wasseroberfläche auftaucht. Ich hatte zu der Robbe Augentkontakt, die Unterwasserwelt war völlig auf mich fokussiert, schwimmend und schauend im gleichen Rhythmus. Das Gespräch zwischen der Robbe und mir war eine große Energie für mich und vielleicht auch für die Robbe. Das sind Momente, die kommen und vergehen und mich spüren lassen, zu sein.

Meine Verbindung zur Luft und dem Atem unseres Planeten ist auch weit oben in den Bergen stark, wo keine Geräusche von Menschen und selten auch keine Spuren zu finden sind. Wenn meine Augen so weit reisen könnten, wie sie sehen können. Der Atem des Windes, das Land auf dem höchsten Punkten berührt macht das Musik in meinen Ohren. Ich denke, es wirkt wie eine Art Droge, um unseren schönen Planeten zu genießen, jedoch dürfen wir nicht vergessen, dafür Sorge zu tragen. Die Begegnung mit der Pflanzenwelt, die dort in der Höhe wächst, macht mich dankbar. Einige Pflanzen habe ich noch nie zuvor in Blüte gesehen. Das ist für mich ein Geschenk. Die Steine, die niemand umgedreht hat, das Wasser, das vom Gletscher fließt, es ist der Champagner von Mutter Erde, immer wieder ein Kreislauf des Lebens. Der Wind ist gefüllt mit Luft, die von weit her kommt, alle Arten von Wesen der Natur berühren mich, das ist für mich das Geschenk, diese Luft auch zu atmen.

Es sind wunderschöne Momente, die da sind und wenn ich mich für sie öffne, schenken sie mir eine Reise zu einem höheren Ich und es erfüllt mein Herz und alle meine Sinne, und es gibt nur ein Wort… DANKE

Ich danke dir, wie du uns an deinem Lebensfluss teilhaben lässt. Gerne möchte ich von dir wissen, welches Lebendige verehrst du und welchen Klang hörst du, wenn du dich mit dem Atem des Lebensnetzes verbindest?

Eine sehr tiefe Verbundenheit, fühle ich auch mit dem Meer, mit all dem geheimnisvollen Leben unter der Membran, die diese beiden Welten mit unterschiedlichen Landschaften und Fähigkeiten zum Überleben trennt. Einmal hatte ich eine Trommelreise unternommen, um meine Wurzeln und mich selbst als Kind zu treffen. Ich fühlte eine große Angst, weil ich immer eine Fremde gewesen bin und nie eine Verbindung zu einem bestimmten Ort oder Volk gefunden hatte. Ich ging geistig in die Luft, ich befand mich in keinem Ort der Kindheit in Island oder Norwegen, also ging ich auf dieser Reise weiter bis nach Afrika und sah mich selbst im Busch „Löwen und Krokodile jagen“. Ich war acht Jahre alt, mit nackten Füßen unterwegs, und ich konnte sehen, wie ich selbst als Kind zu mir als Erwachsene aufblickte, während ich meine Zehen in den Sand am Fluss bohrte. Auf einmal verstand ich, wo meine Wurzeln sind. Das Gefühl der Zehen im Sand im fließenden Wasser, das zum großen Meer hinunterfließt. Mit dem Meer fließen meine Wurzeln über unseren ganzen Planeten und meine Wurzeln sind dort, wo meine Zehen sind, und das erklärte mir so viel. Ich schaue auf die Membran, die das Leben in der Luft vom Leben im Wasser trennt, in meinem Kopf verbindet das Meer den ganzen Planeten als eine grosse Haut, die immer in Bewegung ist. Immer mit einem Glanz versehen, irgendwo sind immer Gefühle, die mich immer etwas zu lehren haben und meine Augen fühlen Frieden.

Die Reinheit deiner Antwort bewegt mich und geht mir unter die Haut. Wie war das damals, in dem Film erzählst du, als du nach Island kamst, konntest du kein Wort isländisch? Wie würdest du das Erlernen des Handwerks Gerben als Gefühlshandlung beschreiben, um die Sprache und Kultur der Menschen in Island zu verstehen?

Ja, das ist richtig. Ich kam ohne jede Sprache nach Island, lebte sehr abgelegen auf einem Bauernhof, umgeben von hohen Bergen und einem vorbeifließenden Fluss. Die Tiere und die Landschaft sowie die Menschen zogen mich in den Bann der Schönheit und Wildheit, aber ich spürte eine Disharmonie in der Zeit. Denn die neue Welt kam schnell nach Island und ich fragte mich, was vor dieser Invasion des modernen Lebens war. Meine Hände wurden zu einer Art Sprache der Vergangenheit, und mein Geist folgte mir auf der Suche nach etwas, das mich mit diesem Land voller Schönheit und Kontraste verbinden könnte. Da ich nie ein Mensch war, der viele Worte macht, hat mich diese Begegnung mit dem vergessenem Handwerk neugierig gemacht. Ich fragte mich, was wäre wenn….

Seit 40 Jahren beschäftige ich mich mit meinen Händen und meinem Geist mit Materialien aus der Natur. Es sind Techniken aus der Vergangenheit, mit Pferdehaaren, Tierfasern, Fellen, Formen und Ideen, die mir erscheinen, wenn ich den Klang unserer Erde höre, das Licht und die Dunkelheit des Tages sehe, die Kälte und die Wärme fühle, die alle den Geist für Kontraste und Neugierde öffnen. Heute spreche ich die Sprache und ich lebe am Meer und meine Augen spielen mit dem Tag, der kommt, wie er kommt. Es gibt Tage ohne gesprochene Worte, die mich nicht stören, denn ich spüre ein anderes Gespräch, das keine Zeit und keine Worte hat. Das Gefühl, mit meinem Geist, meinen Augen, meinen Händen und meinen Ohren zur selben Zeit am selben Projekt zu sein, gibt mir die Möglichkeit, den Moment wahrzunehmen, da zu sein und offen zu sein für das, was auf dem Weg meines Prozesses passieren kann.

Deine Hände als Sprache der Vergangenheit zu bezeichnen, um mit ihnen und all deinen Sinnen zusammenzu arbeiten, um die Polaritäten zu verstehen und sich ganz auf den Moment einzulassen, um ihn wahrzunehmen. Das hast du so einfühlsam und harmonisch beschrieben. Welcher Rhythmus lebt in dir? Nach welchem Rhythmus lebst du?

Vor vielen Jahren habe ich meine große Uhr angehalten, um mich daran zu erinnern, dass die Zeit jetzt ist. Ich bewege sie manchmal, wenn eine neue Zeit anbricht, drei Mal in den letzten 15 Jahren. Mein Rhythmus ist mit den Jahreszeiten der Natur verbunden, mit dem Licht, dem Wetter, dem Meeresrauschen. Ich plane meine Tage, meine Arbeit, meine Neugier, meine Projekte und Workshops und mache Platz für das Unerwartete, zumindest einmal am Tag, um mich im Moment des Seins zu verlieren.

Ich denke, wir haben einige Dinge, um die wir uns kümmern müssen, unsere Träume in der Nacht, die uns an Orte in unserer Existenz bringen und uns oft heilen, wir haben Tagträume, die uns weit weg bringen, aber dann gibt es diese Träume, wenn wir draußen in der Natur sind und unser Verstand völlig von den „Elfen“ (in Island) gestohlen wird, das kann für einen Moment oder viel länger sein und wenn du wieder in deinem normalen Verstand bist, denke ich, ist es ein Wunder, sich im „Moos“ zu verlieren und das Gefühl der Reise in unserer Seele zu genießen.

Liebe Lene, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast und wir den Rhythmus deiner Lebendigkeit nachspüren können. Deine Antworten erwärmen beim Lesen unsere Seelen und wirken heilend. Die Authentizität in deinen Worten trägt unseren Geist zu deinen Bildern, wie du sie siehst und spürst und es ist für uns, als würden deine Wurzeln über das Wasser gleiten und durch die Luft zu uns gelangen. Das ist ein ganz herzerwärmendes Gefühl, so dass sich für uns der Kreis schliesst, um deine Ganzheitlichkeit zu dem Gebet des Schamanen zu verstehen.

Fotos Lene Zachariassen, arte TV

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Editorial management: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Picture credits: © Lene Zachariassen and arteTV

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