Samen für die Zukunft säen

Naturpädagogik bedeutet für uns, Samen für die Zukunft zu säen. Wenn wir mit Menschen in der Natur unterwegs sind, ist eine unserer Hauptantriebskräfte die Idee, dass wir in den Teilnehmenden wieder eine Beziehung zur Natur aufbauen können, die berührt und wie ein Same wirkt. Eine Berührung, die hoffentlich so tief ist, dass sie dazu anregt, den Weg in eine natürliche Zukunft einzuschlagen.

Neben der Klimabewegung mit Fridays For Future (FFF), Climate strike, rise up, XR, … braucht es auch viele (alle) anderen Menschen in der Bevölkerung, die sich für die Zukunft einsetzen. Auch Unternehmer*innen sind hier gefordert.

Wir haben Melissa Dietze und Thomas Marty getroffen, die mit uns über diesen unternehmerischen Zukunftsimpuls sprechen. Melissa und Thomas sind die Geschäftsführer der Firma BRIZA Naturpflege GmbH in Zürich.

Detailfoto eines Bläulings (Quelle: briza.ch *)

Liebe Melissa, lieber Thomas Ihr seid als Unternehmer/in im Bereich Naturschutz aktiv. Mögt ihr uns in kurzen Worten eure Firma vorstellen?

Die Briza Naturpflege GmbH macht Unterhaltsarbeiten in Naturschutzgebieten und hilft bei der Anlage von neuen ökologisch wertvollen Flächen. Das können zum Beispiel frisch angesäte Ruderalflächen und Magerwiesen sein. Unsere Arbeit ist gärtnerischer Natur; die Planungsarbeit für die Pflegemassnamen liegt bei den uns beauftragenden Naturschutz- und Ingenieurbüros.

Wie seid ihr dazu gekommen wilde Samen zu sammeln und euch in eurer Arbeit auch für Biodiversität und die Natur einzusetzen? 

Biodiversität ist nicht nur die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, sondern auch die genetische Variabilität innerhalb dieser Arten. Das sind spezielle Anpassungen an die Bedingungen im Lebensraum dieser Arten, die am Nordrand des Kantons Zürich zum Beispiel klimatisch anders sind, als im Sihlwald. Zum Beispiel Artenförderungsprogramme des Kantons Zürich möchten diese Vielfalt mit einbeziehen und setzen daher auf lokales, standortangepasstes Saatgut, das gegenüber grossmassstäblichem Standard-Saatgut bevorzugt wird. Wir setzen uns sowohl in dem Unternehmen, wie aber auch – fast noch wichtiger – privat, für Biodiversität ein. Die Arbeit der Briza Naturpflege ist unser finanzieller Lebensunterhalt und daher nicht nur vom Idealismus, sondern auch von der Auftragslage abhängig. Wenn es keine Kundschaft für wildes, lokales Saatgut gäbe, könnten wir auch nicht wilde Samen sammeln, ja dürften es je nach Standort und Art nicht einmal, da diese Pflanzen unter Naturschutz stehen, und das Sammeln einer Bewilligung bedarf. 

Wenn ihr die globale, aktuelle Situation grundsätzlich betrachtet, welche Gefühle überwiegen bei euch?

Die Lage, in die die Menschheit unseren Planeten gebracht hat, scheint in vielen Momenten aussichtslos. Aber Veränderung ist nicht linear, sondern kann ähnlich wie ein Samenkorn keimen. Wer das Wachstum von etwas, wofür die Zeit jetzt gekommen ist, im vergangenem Jahrzehnt betrachtet, hat noch kaum eine Vorstellung davon, was im darauffolgenden Jahrzehnt möglich ist. Wer würde einem Buchennüsschen, das im Schatten liegt, den majestätischen Baum zutrauen, zu dem es in exponentiellem Wachstum werden kann. Trotz allem Schatten sehen wir auch diese Keimlinge schon das alte System durchbrechen. 

Im Interview mit Melissa Dietze und Thomas Marty

Im Ende Juli, Anfang August 2021 ist die Aktionswoche von Rise up und climate strike in Zürich und Bern gewesen mit Aktionen, die viel Vorbereitung und Mut erfordern. Teilweise sind die Aktionen sogar mit juristischen oder sogar körperlichen Folgen für die Aktivist*innen. Das ist ein grosser Einsatz. Könnt ihr verstehen warum dieser grosse Einsatz notwendig ist?

Letztlich ist solcher Einsatz ein Symptom einer Generation, die in ihrer Zukunft bedroht ist. Symptome sind, wie zum Beispiel Fieber, nicht angenehm, aber wichtig für das Erkennen und auch die Heilung der Krankheit. Wir haben Respekt für die Individuen unserer Gesellschaft, die die Rolle solcher Immunzellen übernehmen und augenscheinlich auf Missstände hinweisen.

Die aktuellen Wetterereignisse, mit Hitzewellen, Starkregenfällen, Dürren und Überschwemmungen holen das Klimathema gerade jetzt wieder, mit brutaler Gewalt in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Ist das Bewusstsein in der breiteren Bevölkerung für das KlimaThema wieder da oder reicht es nicht über die eigene Nasenspitze heraus? Wie erlebt ihr diese Situation in eurer Umgebung und mit Andersdenkenden?

In unserem Umfeld, das in gewisser Weise auch eine Blase ist, ist das Thema schon vor längerem fest angekommen. Der Klimawandel ist aus unserer Sicht aber nur einer von vielen Aspekten. Die Natur kämpft in fast allen Bereichen mit der Ausbeutung durch den Menschen. Schwindende Lebensräume, verlorene Artenvielfalt, bedrohte Bodenfruchtbarkeit – Entkoppelung des Menschen von seiner Grundlage – der Natur – in allen Belangen. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Systemwandels, eines Denkwandels, kann nicht mit Gewalt auf Andersdenkende übertragen werden. Das neue Denken wird in das alte hineinwachsen, und es obsolet machen.

Eidechse Foto Christoph Lang

Der Aktionismus, um für die Sache Aufmerksamkeit zu erlangen, ist das Eine. Gibt es andererseits, aus eurer Sicht gewisse Effekte in das ‘normale’ alltägliche Leben hinein, die zeigen, dass sich von unten her etwas wandelt? Was sind eurer Ansicht nach solche Keimzellen für den Aufbruch in die postfossile, postwachstums Gesellschaft?

Permakultur-Projekte, Solidarische Landwirtschaft, Regenerative Landwirtschaft, Sharing Economy, Naturpädagogik oder alternative Schulen, aber auch Gemeinschaftsbildung, Friedensarbeit oder Meditation. Globaler Wandel ist auch von individuellem, inneren Wandel abhängig.

Nachdem die Corona-Massnahmen gelockert wurden, sind an vielen Orten lokale bzw. regionale Initiativen bekannt geworden, die anders in die Zukunft gehen wollen. Ähnliche Projekt wie du sie gerade genannt hast und viele andere — habt ihr das auch so wahrgenommen?

Sogar wir selbst haben in dieser Zeit einen Gemeinschaftsgarten gegründet. Ja, es tut gut, zu sehen, wie im Sog der ihren Bodenkontakt verlierenden Gesellschaft immer mehr Menschen und Gruppen versuchen, neue Wurzeln zu schlagen. Wir haben von vielen solchen Aktionen gehört und kennen solche Menschen. Die Zeit ist jetzt reif. Nach dem Corona-Sturm liegen gerade viele Bodenstellen brach für neue Keimung.

Welchen Einfluss hat diese Graswurzelbewegung auf dich als Unternehmerin im Umweltbereich?

Leider wenig. Die Arbeit unseres Unternehmens liegt unserer Ansicht nach zwar am sinnvollen Ende von dem, was im alten System möglich ist. Sie kompensiert gewisse naturfeindlichen Einflüsse von anderen „Tentakeln“ des gleichen, zusammenhängenden Systems, etwa der industriellen Landwirtschaft. Aber sie ist eingebettet in andere Aspekte eben dieses alten Konstruktes, so zum Beispiel ins Finanzsystem. Den Wandel für die Welt sehen wir eher in den vorher angesprochenen Graswurzelbewegungen, als in Unternehmen. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass es solche Unternehmen schon gibt. Denn irgendwann soll das alte Wirtschaftssystem ja, inspiriert von dem echten Bottom-up-Wandel, abgelöst werden.

Klima strike/rise up = David, gegen Finanzplatz/Industrie = Goliath, das scheint von aussen betrachtet ein sehr ungleicher Kampf zu sein. Gibt es auch in eurer Arbeit Momente von Ohnmacht, Frustration, Wut, Trauer, … haben solche Gefühle Raum und können positiv umgewandelt werden? Ist evtl. sogar eure Arbeit eine gute Möglichkeit mit diesen Emotionen klarzukommen

Es ist zwar ein ungleicher Kampf, aber vielleicht ist ja wie vorhergesagt, gar kein Kampf, sondern ein Wachstum von David, das Goliath irgendwann in den Schatten stellen wird. Aber natürlich: ob das noch reicht, bevor Goliath Irreversibles vollbracht hat, wissen auch wir nicht. In solchen Gedanken der Ohnmacht hilft es natürlich, einen Tag lang an einem schönen Ort Saatgut zu sammeln, diese Arbeit ist dann Meditation.

Als Unternehmer/innen seid ihr auch ein Zahnrad im Getriebe der Gesellschaft. Bleibt Zeit und genügend Abstand, um sich da immer wieder frei zu strampeln, um die Vision lebendig zu halten? Oder ist daran, mit dem Blick auf die globale Situation (es brennt überall), gar nicht zu denken?

Wir arbeiten beide nicht Vollzeit. Es ist uns wichtig, dass das so bleibt, genau deshalb, um daneben Raum zu haben, Visionen lebendig zu halten und, lapidar gesagt, die Welt zu retten.

Situationen, die wir Menschen nicht direkt beeinflussen können, fördern Gefühle der Hilflosigkeit, der Schwäche und Ohnmacht.  Habt ihr konkrete Hinweise bzw. Tipps, die wir den Menschen anbieten können, damit jede*r immer wieder Mut, Gemeinschaft, Hoffnung kultivieren kann?

Wir denken, man sollte sich immer wieder fragen, welche von den Dingen, die man macht, sind fürs Herz, sind für einen und seine Weltsicht sinnvoll. Wenn das Gefühl aufsteigt, dass man als willenloses Zahnrad fungiert, sollte man zur Veränderung bereit werden, vielleicht auch radikal. Das schliesst insbesondere auch die Abhängigkeit von Geld mit ein. Viele Menschen betrachten ihren finanziellen Bedarf als vorgegeben und unverrückbar. Aber was könnte man über Bord werfen? Wäre es möglich, in einer halb so grossen Wohnung, dafür doppelt so nahe am Wald, zu leben? Hilflosigkeit, Schwäche und Ohnmacht entspringen manchmal einem überhöhten Sicherheitsbedüfnis, dass uns persönlich und global in enge Grenzen eines alternativlosen Lebensstils kettet. Aber Sicherheit sollte nicht auf Kosten von Freiheit oder sozialer Verbundenheit erstrebt werden.

Wer in seinem Leben die Grundbedürfnisse von Autonomie und Verbundenheit unter einen Hut bringen kann, findet zu innerem Frieden, sagen Philosophen, Psychologen, Gehirnforscher und andere Menschen, die viel nachgedacht haben. Persönlicher innerer Frieden (einer grossen Anzahl Menschen) hat viel mit globaler Weltrettung zu tun. Das kleine ist ein Abbild des Grossen und umgekehrt. 

Ganz herzlichen Dank für die Zeit, die ihr euch genommen habt. Viel Erfolg bei den anstehenden Projekten.

Kontakt: Briza Naturpflege GmbH, Ottostrasse 29, 8005 Zürich, info@briza.ch

http://www.briza.ch

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” bietet konkrete Themen nach den Grundlagen der Naturpädagogik und erdgerechte Zukunftsideen

Ob als Waldspielgruppenleiterin, Waldkindergärtnerin, Lehrperson, Pädagogen und Erwachsenenbildner oder Draussen Familien, alle finden nahrhaftes Wissen bei uns.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Redaktionelle Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber

Bildnachweis: © Genossenschaft Feuervogel für Naturpädagogik und

Bildnachweis: Bläuling: David Iliff, CC-BY-SA 3.0, https://en.wikipedia.org/wiki/User:Diliff, Briza media: Hajotthu, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Hajotthu

Portraits und Eidechse: Christoph Lang

Das digitale Fachblatt “Nature Flow” ist in seinem 13. Erscheinungsjahr unter dem Dach der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik in der Schweiz

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