Komm, ich erzähle dir eine Mutmachgeschichte!

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Die kleine Maya ist heute untröstlich. Die Tränen kullern über ihre Wangen. Das Waldmaskottchen drückt sie feste an sich, aber das reicht ihr noch nicht als Aufheiterung. Die Leiterin packt aus ihrem Rucksack das «Seelein», setzt sich zu Maya und sagt, «Komm, ich erzähle dir eine Geschichte.» Aufmerksam hört Maya zu und verfolgt wie das kleine Fischlein in dieser kleinen Höhle lebt und in diesem blauen See schwimmt. Bis eines Tages auf einmal eine riesengrosse Kuh kommt und das Wasser vom ganzen See aussäuft. Das Fischlein bittet die Kuh darum, sofort aufzuhören. Die Handlung der Geschichte geht bis zum Äussersten und macht den Zuhörern Mut, auch wenn man sehr klein ist, wie das Fischlein, kann man etwas bewirken.

Eine einfühlsame Mutmachgeschichte, die von der Einrichtung «Berner Stiftung für Menschen mit einer geistigen Behinderung», in ihrem Atelier in Muri selbst hergestellt wird, wie uns Bettina Kindiger, Leiterin des Ateliers Textil und Papier, erzählt. Es gibt insgesamt drei Wohnheime, in der Villette in Muri bei Bern leben 3 Gruppen mit je sechs Bewohner in einer wohngemeinschaftlichen Atmosphäre. «Wir haben Menschen, die seit 30-40 Jahren schon hier leben», erzählt uns Bettina Kindiger.

Die Aufrollgeschichte „Seelein“. Sie macht Kindern Mut und lässt sich zusammengerollt ganz einfach im Rucksack verstauen. Den Text der Geschichte gibt es zur Landschaft dazu.
Die Aufrollgeschichte „Seelein“. Sie macht Kindern Mut und lässt sich zusammengerollt ganz einfach im Rucksack verstauen. Den Text der Geschichte gibt es zur Landschaft dazu.

Für die jungen und starken Bewohner wurden im Rahmen des «Normalisierungsprinzips» im August 2016 verschiedene Ateliers eingerichtet, in denen sie ihrer kreativen Arbeit mit Textilien, Papier, Holz und Ton nachgehen können. Nach den Vorgaben vom Kanton Bern gehen die Bewohner täglich am Morgen von 9-12 Uhr in den Ateliers zu ihrer Arbeit und am Nachmittag nochmals 3 Stunden. «Wir schmücken für Adventsfeiern und sonstigen Wohnanlässe mit den selbsthergestellten Werkstücken unsere Räume», sagt Bettina Kindiger begeistert,

«…es ist nicht zu unterschätzen wie die Menschen an ihren selbst gemachten Arbeiten hängen. Das ist auch sehr berührend zu beobachten», sagt die Leiterin

«es ist nicht zu unterschätzen wie die Menschen an ihren selbst gemachten Arbeiten hängen. Das ist auch sehr berührend zu beobachten», sagt die Leiterin. Sie erzählt, wie die kreative Arbeit die Selbstständigkeit und das Selbstvertrauen der Menschen in den Wohnheimen unterstützt. Die Leitungsteams merken deutlich, welchen riesigen Entwicklungsschritt seit dem letzten Jahr in der Fingerfertigkeit und im Denkvermögen, die jungen Menschen bei ihnen gemacht haben. Bei der Filzlandschaftsgeschichte «Seelein» ist die Hauptarbeit der Bewohner das Filzen. Alle Arbeitsschritte können sie nicht alleine machen, jedoch zu 2/3 arbeiten sie komplett eigenständig an dem Werkstück.  

Bewegung und frische Luft tanken die Bewohner immer wieder auf, wenn sie zusammen mit den Mitarbeitern auf Materialsuche im Wald unterwegs sind. In den Holzateliers fertigen sie gerade Pfeffermühlen aus Holz, dafür sammeln sie Äste. Der Besuch im Wald ist für sie jedes Mal eine sehr schöne Naturerfahrung und ein willkommener Ausgleich, denn sie arbeiten, wohnen und leben sonst immer im Haus.

Die Überraschungsmuschel, die in der Mitte einen kostbaren Schatz bereithält.
Die Überraschungsmuschel, die in der Mitte einen kostbaren Schatz bereithält.

Über ein besonderes Erlebnis erzählte uns Bettina Kindiger, welches sie mit einer Bewohnerin in ihrem Atelier, während des Filzens vom «Seelein», erlebt hatte: «Damit die Höhle von dem Fischlein in dem See beim Filzen hohl bleibt, muss es mit Papier ausgehöhlt werden. Das knistert manchmal, wenn man beim Filzen mit der Hand darüberstreicht. Die Bewohnerin meinte zu mir, «Nicht gut, nicht gut!». Ich überlegte, was denn nicht gut ist, und brauchte eine Weile bis ich gemerkt hatte, es knisterte nicht und ich hatte vergessen Papier für die Höhle unterzulegen. Das ist eine ganz feine Wahrnehmung von ihr gewesen, wie sie mir dies auf ihre Art und Weise klarmachen konnte. Von da an, schaut sie jedes Mal, ob es irgendwo knistert, bevor sie anfängt zu filzen. Sie passt auf und sagt: «Alles gut, alles gut!» Das Atelier fertigt auch Überraschungsmuscheln, in deren Mitte die Menschen ihren Schatz finden. Jetzt im Herbst dekorieren gefilzte bunte Blätter ihre Tische und bei den listig dreinschauenden Waldzwergen dürfen sie die Kleidchen filzen.

Am Ende der Geschichte, als das Fischlein wieder in seiner Höhle ist und genug Wasser zum Schwimmen hat, strahlt auch Maya wieder. Die Traurigkeit ist verflogen und sie kann wieder mit allen anderen Kindern im Wald lachen. Die Leiterin rollt das «Seelein» zusammen und verstaut es in ihrem Rucksack. Dort wartet es, bis sie ein anderes Mal zu einem Kind sagt: «Komm, ich erzähle dir eine Geschichte!»

Die Filzlandschaft «Seelein» kann bei Interesse bei ihr bestellt werden. Der Preis beträgt 25,- Fr zzgl. Versandkosten eines Päckchens. Mailkontakt: atelier@schoen-da.ch

Bettina Kindiger mit Bewohnern vom Wohnheim Villette
Bettina Kindiger mit Bewohnern vom Wohnheim Villette

Zur Person Bettina Kindiger

Sie arbeitet seit 5 Jahren hier in der Vilette und mit den Bewohnern seit letztem Jahr im textilen Atelier. Sie ist 57 Jahre alt, verheiratet und wohnt im Kanton Bern, von Beruf ist sie Sozialpädagogin, aber berufsbegleitend gerade in Ausbildung zur Figurenspieltherapeutin, in der sie viele Anregungen für die Arbeit bekommt. In dem Atelier versuchen sie Ware herzustellen, die form und- farbschön ist, da diese gesundend auf die Seele wirkt. Bei ihrer Arbeit achten sie auf eine unterstützende und freudige Atmosphäre.

Redaktionsleitung: Christoph Lang, Nadja Hillgruber

Interview, Gestaltung und Umsetzung: Nadja Hillgruber, www.infothek-waldkinder.org

Bildnachweis: Fotografie © Infothek Waldkinder und Bettina Kindiger

Das digitale Fachblatt ist in seinem 8. Erscheinungsjahr

Die Infothek Waldkinder – Informationsplattform Naturpädagogik ist ein Projekt der Feuervogel Genossenschaft für Naturpädagogik

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